Demografie : Angst vorm Alter und vor Fremden

All die Bilder gepflegter, gut gelaunter Senioren in der Fernsehwerbung sind vegebens: Die Deutschen haben Angst vor dem Alter. Das "Forum Demografischer Wandel“ macht jedoch Mut.

Andrea Dernbach

Berlin - Die Deutschen finden – glaubt man einer Studie im Auftrag des „Forums Demografischer Wandel“ – dass Älterwerden kein Vergnügen sei und dass es in Zukunft nur schlimmer werden könne. Kurios zudem: Die Mehrheit, die sich vor Hinfälligkeit, Abhängigkeit und Altersarmut fürchtet, hat „derzeit kein Bild vom Alter“, sagt Peter Kruse vom Bremer Marktforschungsinstitut Nextpractice, der die Studie vorstellte. Will sagen: Man fürchtet etwas, was man kaum kennt, auch gar nicht kennen will.

Das „Forum Demografischer Wandel“, das Bundespräsident Horst Köhler 2005 mit Unterstützung der Bertelsmann-Stiftung berufen hatte, hat mit einer Konferenz in Köhlers Amtssitz Schloss Bellevue seine Arbeit abgeschlossen. Wissenschaftlich beackert wurden die Veränderungen einer Gesellschaft, die weniger, aber deutlich mehr alte Menschen hat und die immer vielfältiger wird – vor allem durch die wachsende Zahl von Menschen aus Migrantenfamilien. Dabei nahm man zum Schluss auch den Gefühlshaushalt der Bürger in den Blick: Wie sehen sie den Wandel?

Dabei zeigte sich Unbehagen auch auf den beiden anderen Themenfeldern des Forums: Für viele der 111 Befragten, deren Einstellungen das Team des Organisationspsychologen Kruse abklopfte, sind Kinder, allen familienpolitischen Anstrengungen zum Trotz, ein wirtschaftliches Risiko und in einer als kinderfeindlich empfundenen Gesellschaft eine große Last – obwohl sie Kinder als persönliche Bereicherung ansehen. „Die Vorstellung, keine Kinder zu haben, wird von vielen als ähnlich problematisch empfunden wie eine Entscheidung für Kinder.“

Geradezu „extrem divergent“ waren die Einstellungen zu Migranten: Während die einen sie uneingeschränkt als bereichernd sehen, halten die anderen sie nur für eine teure Last. Da seien die Einstellungen so unterschiedlich, dass „Reden fast nicht hilft“, meinte Kruse. Man spräche einfach verschiedene Sprachen. Abhilfe könnten nur „Erfahrungsräume“ schaffen, wo man einander kennenlernt.

Genau das war auch Ergebnis eines Bürgerforums, das sich im Februar beim Bundespräsidenten traf, um unter Engagierten zu diskutieren, wie sich die Gesellschaft der Zukunft gestalten lässt. Ergebnis: Mit etwas weniger Bürokratie und Angst in den Ämtern, vor allem aber durchs Anpacken und Selbstorganisieren. Dass auch die Politik noch Erkenntnislücken hat, ließ Nordrhein-Westfalens Integrationsminister Armin Laschet durchblicken: Im amtlichen Überblick über bürgerschaftliches Engagement werde zwar „der Altennachmittag in der katholischen Gemeinde“ erfasst, nicht aber der in der Moscheegemeinde. „Das eine ist Ehrenamt, das andere Parallelgesellschaft.“

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