Politik : "Demokratie lebt auch vom Widerspruch": Der Demokratie-Bewahrer

Gustav Trampe

Offizielle Ämter bekleidet Hans-Jochen Vogel schon längst nicht mehr. Aber der Rat eines der profiliertesten SPD-Politiker der Nachkriegszeit und seine Meinung sind in der Öffentlichkeit nach wie vor gefragt. Er artikuliert sie in Vorträgen, Gesprächsrunden oder als Kolumnist (auch dieser Zeitung). Seine Wertschätzung reicht weit über die eigene Partei hinaus. Gerade erst wurde er in den Nationalen Ethikrat berufen.

Jetzt hat Vogel sich unter dem Titel "Demokratie braucht auch Widerspruch" wieder mit einem Buch zu Wort gemeldet, einer Sammlung von Reden und Aufsätzen der vergangenen fünf Jahre. Er behandelt darin eine Fülle von Themen, die der Verlag in fünf Kapitel zu ordnen versucht hat. "Fortschritt in Freiheit", "Demokratie und Grundgesetz", "Deutsche Einigung", "Christsein in der Politik" und "München". Diese Einteilung ist zwar nicht ganz schlüssig, aber sie vermittelt doch einen guten inhaltlichen Überblick. Bedauerlich nur, dass der Leser nie erfährt, zu welchem Zeitpunkt und vor welchem Publikum der jeweilige Vortrag gehalten oder in welcher Publikation der entsprechende Aufsatz veröffentlicht wurde. Dreh- und Angelpunkt der Überlegungen Vogels sind die Zukunft der Demokratie, der Umgang mit der jüngsten deutschen Vergangenheit und seine Sorge vor wachsenden rechtsradikalen Tendenzen in Deutschland. Ob er sich diesen Themen in einem Vortrag über "Das Vermächtnis der Paulskirche" nähert, in einem Aufsatz über die "Überwindung der SED-Diktatur" oder in einem Essay "Zur Notwendigkeit des Erinnerns", am Ende steht in der einen oder anderen Form immer wieder als Fazit die Mahnung, "neuerliche Fehlentwicklungen früher zu erkennen und dann nicht wegzuschauen oder wegzuhören, sondern sich selbst für die Bewahrung der Demokratie zu engagieren.

Vogel selbst lebt solches Engagement bis heute vor, etwa als prominenter Mitstreiter in er Vereinigung "Gegen Vergessen, für Demokratie" oder durch sein beharrliches Eintreten für eine rasche Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter.

Die Essay-Sammlung spiegelt, wenn man so will, die Erfahrungen und Erkenntnisse, die Vogel in einer 50-jährigen außergewöhnlichen politischen Karriere gesammelt und gewonnen hat. Oberbürgermeister von München, der die Olympischen Spiele 1972 in die damals "heimliche Hauptstadt Deutschlands" holte und die von dem schrecklichen Attentat auf die israelischen Sportler überschattet waren. Bundesjustizminister in der Regierung Schmidt im "deutschen Herbst", als der Staat in Versuchung geriet, bei der Bekämpfung des RAF-Terrors selbst rechtsstaatliche Prinzipien zu verletzen. Regierender Bürgermeister von Berlin in einer Zeit, da die örtliche SPD heillos in innerparteiliche Konflikte verstrickt war und die Hausbesetzungen vom Ärgernis zum politischen Skandal wurden. Schließlich meisterte er auch die Herausforderung, als Fraktions- und Parteichef in die Fußstapfen so außergewöhnlicher Männer wie Herbert Wehner und Willy Brandt zu treten und die SPD als Spitzenkandidat in den Bundestagswahlkampf 1983 zu führen.

In "Demokratie lebt auch vom Widerspruch" stellt Hans-Jochen Vogel sich als Elder Statesman von Maß und Mitte dar, als moralische Instanz, dessen Ernsthaftigkeit und dessen Verzicht auf alle Effekthascherei im Zeitalter der Blairs, Schröders und Berlusconis wie aus einer anderen Welt wirken.

Vielleicht lässt gelegentlich der "Oberlehrer" grüßen. Aber dieses Etikett ist längst kein Tadel mehr, sondern zu Vogels persönlichem Gütezeichen geworden. Politisch korrekt, penibel, aufrichtig und stets respektvoll im Umgang mit dem politischen Gegner. Inzwischen kokettiert er gelegentlich sogar selbst mit seinem Spitznamen. Nach dem Motto: Lieber Oberlehrer als ein Zuchtmeister (wie Herbert Wehner) oder "le Feldwebel" (wie Helmut Schmidt).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben