Politik : „Demokratie und Islam schließen sich nicht aus“

Michel Friedman über die EU-Reife der Türkei

Christian Böhme

Es kommt nicht jeden Tag vor, dass ein hoher Vertreter des europäischen Judentums wie ein Staatsgast begrüßt wird. Schon gar nicht in einem islamischen Land. Doch Michel Friedman, Präsident des European Jewish Congress, wurde am Mittwoch in der Türkei ein großer Empfang bereitet. Und fast die gesamte politische Elite des Landes hatte Zeit für ihn – Tayyip Erdogan, Chef der Regierungspartei AKP, ebenso wie Ministerpräsident Abdullah Gül. Die Gespräche hatten auch ein konkretes Ergebnis: 2004 will die konservativ-islamische Regierung in Ankara erstmals eine Konferenz mit religiösen und politischen Vertretern der drei monotheistischen Weltreligionen organisieren. Dieser „Trialog der Verständigung“ soll dann künftig alle zwei Jahre in der Türkei stattfinden.

Friedman sieht in dieser Bereitschaft ein wichtiges Signal: „Diese Regierung geht einen moderaten politischen Weg. Und das europäische Judentum begleitet diese positive Entwicklung der Türkei“, sagt er im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Überhaupt teilt der Frankfurter Anwalt mit dem CDU-Parteibuch nicht die Einschätzung vieler deutscher Politiker, dass das Land am Bosporus generell nicht in den Kreis der EU gehöre. Seiner Ansicht nach hat Ankara in den vergangenen Jahren einen großen Schritt in Richtung Demokratisierung gemacht. Wenn die Türkei die Standards erreiche, die für die osteuropäischen Staaten gelten, gebe es keinen Grund, den EU-Beitritt nicht zu fördern. Es müsse möglich sein, dass ein Land Mitglied der Union werden kann, in dem die Mehrheitsreligion nicht das Christentum ist. „Die Türkei braucht Europa, und Europa braucht die Türkei“, sagt Friedman.

Seiner Überzeugung nach spricht für das Land – ganz abgesehen von seiner geostrategischen Bedeutung – auch die Vorbildfunktion gegenüber anderen muslimischen Staaten. „Modernität, Demokratie und eine islamisch geprägte Gesellschaft müssen sich nicht ausschließen.“ Ankara sei zudem ein gutes Beispiel für Toleranz, zumindest im Verhältnis zum Judentum. 30 000 Menschen mit diesem Glauben leben in der Türkei und das seit langem „in absoluter Freiheit und Gleichberechtigung“, sagt Friedman. Und er ist sicher, dass sich unter der neuen Regierung am respektvollen Miteinander nichts ändern wird. In anderen, vom Christentum geprägten Ländern wie zum Beispiel Russland sei das nicht immer im gleichen Maße der Fall.

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