Demokratieförderung : Politik im Kindergarten

Weil sich Jugendliche kaum engagieren, wollen Experten möglichst früh demokratische Werte vermitteln.

Lissy Kaufmann

Berlin - Gesine Agena wollte die Welt verändern. Ein neues Bildungssystem sollte her, die Atomkraft sollte weg. Also ging sie als 17-Jährige gemeinsam mit Freunden zu dem Ortsverein der Grünen in ihrem ostfriesischen Heimatdorf Norden. Dort hieß es: Gründet doch eine Jugendgruppe. Das taten sie und ihre Freunde. Heute ist Gesine Agena 23 Jahre alt, Sprecherin der Grünen Jugend und damit eine der wenigen Jugendlichen, die politisch aktiv sind.

Die Politikverdrossenheit junger Menschen in Deutschland ist groß: Gerade einmal zwei Prozent engagieren sich in politischen Parteien, wie die jüngste Shell-Jugendstudie zeigt. Nur 40 Prozent interessieren sich überhaupt für Politik. Das sind immerhin sechs Prozent mehr als vor sechs Jahren. In den 70er Jahren war das Interesse allerdings noch deutlich höher, wie der Bielefelder Sozialwissenschaftler Mathias Albert, der an der Studie beteiligt war, erläutert. Sein Kollege Ulrich Schneekloth von TNS-Infratest Sozialforschung meint sogar: „Flapsig formuliert, sind neben Drogen Aktien und Politik ganz out.“

Das Beispiel von Gesine Agena zeigt jedoch, dass Jugendliche durchaus bereit sind, sich zu engagieren – auch politisch. Die Frage ist aber, wie man sie dazu bewegen kann. Beim Internationalen Demokratie-Symposium mit dem Titel „Demokratie leben lernen – Jugend, Politik und gesellschaftliches Engagement“ war genau dies kürzlich das Thema.

In einem sind sich die meisten Experten einig: Damit Jugendliche mitmachen, müssen sie schon früh lernen, dass sie in der Gesellschaft etwas bewegen können. „Demokratiebildung sollte spätestens dann beginnen, wenn Kinder in die erste öffentliche Einrichtung kommen“, erklärt Raingard Knauer, Professorin für Pädagogik an der Fachhochschule Kiel. Sie hat das Konzept „Die Kinderstube der Demokratie“ entwickelt und plädiert dafür, bereits in der Kita zu beginnen. „Kinder sollen erfahren, dass sie ein Recht auf Rechte haben“, sagt Knauer. Und das heißt: mitentscheiden und Verantwortung übernehmen.

Jugendliche brauchen außerdem Themen, die ihnen wichtig sind: Sie werden sich sicher nicht gleich mit Finanzpolitik beschäftigen. Wahrscheinlicher ist es, dass sie beispielsweise eine Sportgruppe mit behinderten Kindern gründen. „Man muss an die Lebenswelt der Jugendlichen anknüpfen“, erklärt Sigrid Meinhold-Henschel, die das Projekt „jungbewegt – dein Einsatz zählt“ verantwortet. Sie sollten ermutigt werden, eigene Themen zu finden und Projekte zu realisieren, dabei aber nicht allein gelassen werden.

Die meisten Jugendlichen, die sich engagieren, sind Gymnasiasten, wie das Beispiel der Grünen Jugend zeigt. Etwa 95 Prozent der Mitglieder bei der Grünen Jugend hätten Abitur oder seien auf dem Gymnasium, sagt Sprecherin Gesine Agena. Sie führt die soziale Kluft auf das Bildungssystem zurück. Die Hauptschulen müssten abgeschafft werden. Denn wer eine Schule besuche, die als Abstellgleis angesehen werde, habe von Anfang an ein geringeres Selbstbewusstsein. Ihr Lösungsvorschlag: „Wir brauchen eine Schule für alle.“

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