Demonstranten auf dem Tahrirplatz : „Wir verteidigen nur unseren Traum“

Die Stimmung auf dem Kairoer Tahrir-Platz erinnert an die Zeit unmittelbar vor dem Sturz Mubaraks. Diesmal fordern die Ägypter das Ende der Militärhoheit über das Land. Die Zukunft ist ungewiss.

Astrid Frefel
Wieder auf dem Tahrir. Tausende Ägypter versammeln sich auch am Dienstag auf dem Platz in Kairo. Sie fordern ein Ende der Militärhoheit über ihr Land.
Wieder auf dem Tahrir. Tausende Ägypter versammeln sich auch am Dienstag auf dem Platz in Kairo. Sie fordern ein Ende der...Foto: AFP

Mohammed kommt von der „Front“. Seine Augen sind rot, sein Gesicht geschwollen. Er ringt nach Atem. Im Zentrum des Tahrir-Platzes lässt er sich im Notlazarett versorgen. Es besteht aus Wolldecken und ein paar Planen. „Ist das menschenwürdig“, fragt der junge Buchhalter. Die „Front“ ist knapp zweihundert Meter entfernt in der Mohammed Mahmoud Straße Richtung Innenministerium. Dort gibt es heftige Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten. Auf lärmenden Motorrädern werden die Verletzten fast im Sekundentakt abtransportiert. Alles junge Männer, manche noch fast Kinder, die der Ohnmacht nahe sind. Die schweren Fälle, viele Augenverletzungen, werden ins Notspital in der Omar Makram-Moschee gefahren.

Die Demonstranten wollten die Sicherheitskräfte zurückdrängen, damit sie kein Tränengas auf den Platz schießen könnten, erklärt ein älterer Herr die Strategie. „Wir verteidigen nur unseren Traum von der Freiheit. Wir wollen hier frei demonstrieren. Niemand will das Innenministerium stürmen. Ich habe wie viele andere keine Steine geworfen. Sie schießen dennoch direkt auf uns“, sagt Mohammed.

In regelmässigen Abständen weht eine beissende Tränengaswolke herüber. Das Gas ist viel agressiver als jenes, das im Januar eingesetzt wurde. Ein normaler Mundschutz nützt nichts, es braucht richtige Gasmasken. „Es enthält CR, einen chemischen Stoff“, weiß der ältere Herr. Krankenschwestern und freiwillige Helfer mischen Wasser und Epicgel, ein saures Gegenmittel zum Gas, in Sprayflaschen. Viele Demonstranten haben deshalb maskenartige, weiße Gesichter. „Im Moment ist das Lazerrett ausreichend versorgt“, meint ein Apotheker vom Roten Halbmond. Seit Ausbruch der Unruhen vor vier Tagen sind mindestens 33 Menschen getötet und fast 2000 verletzt worden.

„Auf diesem Platz ist das ägyptische Volk König“, steht auf einem großen Transparent in der Mitte des historischen Platzes. „Dafür demonstrieren wir, dass die Macht dem Volk gehört und die Bürger auch das Militär kontrollieren. Zvilisten müssen das Ruder übernehmen“, sagt Ihab, ein 42-jähriger Geschäftsmann. Vieles erinnert an die ersten Tage der Revolution. Es gibt keine Parteifahnen nur die Landesfarben. Die Menschen sind einfach als Ägypter hier. Wahlen ergäben derzeit keinen Sinn, findet Ihab, weil ja nicht einmal klar sei, welche Befugnisse ein solches Parlament hätte. Auch Mohammed hält nichts von Wahlen. Er will, dass der regierende Militärrat endlich mit den Jungen und den gewöhnlichen Ägyptern redet, die diese Revolution machen.

Mit jeder Stunde zieht es mehr Leute zur Kundgebung und darunter auch viele die nicht so aussehen, als ob sie der Polizei eine Schlacht liefern wollten, vor allem Frauen. Alle gesellschaftlichen Schichten sind vertreten. Regelmäßig branden Losungen gegen Feldmarschall Hussein Tantawi auf. Hunderttausend kommen am Abend zum „Millionenmarsch der nationalen Rettung“, zu dem Aktivsten und viele politische Gruppierungen aufgerufen haben. Auch das erinnert an den Januar, als am Dienstag und Freitag die Massen jeweils auf den Tahrir-Platz strömten. Im Netz zirkulieren Aufrufe zum Sammeln von Decken, Helmen, Handschuhen, Masken, Medizin und Nahrungsmittel und die Räsonanz ist groß. Im Rest der Stadt herrscht eine ungewöhnliche Ruhe.

Mit „Irhal!, Irhal!, Raus!, Raus!“ reagierte die Menge auf die Rede von Feldmarschall Tantawi, in der dieser den Rücktritt der Regierung akzeptierte, den Wahltermin vom 28. November bestätigte und einen freigewählten, zivilen Präsidenten bis Sommer 2012 versprach. Er verwahrte sich gegen die „ungerechtfertigten“ Angriffe auf die Armee. Sie würde in die Kaserne zurückgehen, sobald gewählte Organe im Amt seien, versprach der Vorsitzende des Militärrates.

„Die Armee will die Macht nicht“, sagte er. Im „Bedarfsfall“ sei das Militär bereit, eine Volksabstimmung über eine „sofortige“ Machtübergabe zu organisieren, „wenn das Volk dies wünscht“. Seine Worte bewegten die Demonstranten jedenfalls nicht dazu, nach Hause zu gehen. Die Muslimbrüder dagegen wollten sich an den Demonstrationen nicht mehr beteiligen, sondern setzten auf den Dialog.

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