• Demonstrationen am Jahrestag des Amtsantritts: Millionen Ägypter fordern Rücktritt von Präsident Mursi
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Demonstrationen am Jahrestag des Amtsantritts : Millionen Ägypter fordern Rücktritt von Präsident Mursi

Nach den Protesten der vergangenen Tage versammelten sich Sonntag Millionen Ägypter im ganzen Land, um Mursis Rücktritt zu fordern. Beim Zusammenstößen von Mursi-Gegnern und Anhängern starben ersten Angaben zu Folge mindestens sieben Menschen.

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In Ägypten gingen am Jahrestag von Präsident Mursis Amtsantritt Millionen Menschen auf die Straße - Anhänger und Gegner.
In Ägypten gingen am Jahrestag von Präsident Mursis Amtsantritt Millionen Menschen auf die Straße - Anhänger und Gegner.Foto: dpa

Millionen Ägypter haben Präsident Mohammed Mursi am Jahrestag seines Amtsantritts zum Rücktritt aufgefordert. Die Armee schätzte die Zahl der Demonstranten auf „mehrere Millionen“, wie es am Sonntagabend aus Militärkreisen hieß. Allein in Kairo waren hunderttausende Menschen auf den Straßen. Mindestens sieben Menschen seien getötet worden. Mehr als 600 Menschen seien verletzt worden, berichtete die Zeitung „Al-Ahram“ unter Berufung auf das Gesundheitsministerium.

Die Opposition will den Staatschef zum Rücktritt zwingen. Zum ersten Jahrestag seines Amtsantritts am Sonntag hat sie in den vergangenen Wochen dazu nach eigenen Angaben mehr als 22 Millionen Unterschriften gesammelt. Auch Anhänger Mursis und der Muslimbruderschaft gingen auf die Straße. Für sie kommt ein Rückzug des Präsidenten nicht infrage.

In der Stadt Beni Sueif südlich von Kairo eskalierte die Gewalt vor dem Büro der Muslimbrüder, dabei gab es nach Angaben der Sicherheitskräfte einen Toten. In der Provinz Assiut feuerten Unbekannte von einem Motorrad ebenfalls vor dem Büro der Muslimbrüder auf Demonstranten - dabei seien drei Menschen getötet und mindestens acht verletzt worden. In Fayum sei ein 18-Jähriger ums Leben gekommen. Bei einem Angriff auf die Zentrale der Muslimbruderschaft in Kairo seien zwei Menschen getötet worden.

In Kairo wurde die Zentrale der Muslimbruderschaft mit Brandsätzen und Schüssen angegriffen. Rund „150 Rowdys“ hätten Molotow-Cocktails und Steine auf das Gebäude im Stadtteil Mokkattam geworfen und mit feinem Schrot geschossen, sagte ein Sprecher der Islamisten. Im Fernsehen war zu sehen, wie dutzende Menschen das Gebäude attackierten.

Tausende Gegner der islamistischen Regierung reisten aus der Provinz nach Kairo, um sich auf dem seit dem Arabischen Frühling weltweit bekannten Tahrir-Platz zu versammeln. „Verboten für Muslimbrüder“ stand auf einem Transparent am Eingang zum Platz. Gekommen sind sehr viele Männer, ganz wenige Frauen und fast keine Kinder, in der Regel ein Zeichen, dass die Angst vor Gewalt umgeht. Hier blieben hingegen die befürchteten Konfrontationen zwischen den rivalisierenden Lagern aus. Bis tief zum frühen Montagmorgen harrten dort zahlreiche Menschen aus.

Wenige Kilometer vom Amtssitz Mursis entfernt versammelten sich im Kairoer Vorort Nasr-City Zehntausende Anhänger der islamistischen Parteien, um ihre Solidarität mit Mursi zu bekunden. Einige von ihnen trugen Stöcke und Helme bei sich. In der Hafenstadt Alexandria, in Port Said und in der Tempelstadt Luxor gingen ebenfalls tausende Menschen auf die Straßen. In Alexandria klagten mehrere Demonstranten über Vergiftungserscheinungen, nachdem sie von Unbekannten am Straßenrand umsonst Flaschen mit Wasser und Limonade erhalten hatten.

Die Wiege der Revolution des 25. Januar, der Tahrir-Platz, ist auch jetzt wieder eines der Epizentren des Protestes gegen Mursi. Der zentrale Kairoer Verkehrsknotenpunkt war bereits Schauplatz der Massenproteste gegen Langzeitmachthaber Husni Mubarak Anfang 2011, die letztlich zu dessen Sturz führten. Militärhubschrauber kreisten über der Stadt. Auch in der Hafenstadt Alexandria, in Port Said und in der Tempelstadt Luxor gingen Menschen auf die Straßen. In einem südlichen Kairoer Stadtteil explodierte ein selbst gebauter Sprengsatz. Das Innenministerium erklärte zudem, dass in den vergangenen Tagen zahlreiche Gewehre beschlagnahmt worden seien.

Viele Ägypter gingen aus Angst vor gewalttätigen Ausschreitungen nicht zur Arbeit. Tausende von Ausländern hatten das Land am Samstag bereits verlassen. In den vergangenen Tagen gab es mehrfach gewaltsame Zusammenstöße, dabei starben mindestens sieben Menschen – unter ihnen ein US-Bürger.

Die Großdemonstrationen sollten den Abschluss der Anfang Mai gestarteten Kampagne „Tamarud“ (Rebellion) markieren, bei der die Initiatoren Millionen Unterschriften von Bürgern gegen Mursi gesammelt haben. Ziel war es, mehr Unterschriften zu bekommen, als der Islamist Wählerstimmen erhalten hatte. Bei der Wahl vor einem Jahr hatte sich Mursi mit 13,2 Millionen Stimmen knapp durchgesetzt.

Die Opposition wirft Mursi vor, nicht wie versprochen als Präsident aller Ägypter zu handeln, sondern vor allem die Macht der Muslimbruderschaft auszubauen. Die massiven wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes gehe er nicht an. Die Postulate der Revolution – Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit – habe er nicht erfüllt. Deshalb habe er seine Legitimität verloren und müsse abtreten. Seine Stellung solle vorübergehend der Präsident des Verfassungsgerichtes übernehmen. Eine Regierung aus Technokraten solle das Land führen und im Laufe von sechs Monaten ein neuer Präsident gewählt werden. Die Tamarod-Initiatoren haben ausdrücklich betont, dass ihre Aktion kein Vehikel für die Rückkehr alter Mubarak-Kader oder der Armee sei.

Der Friedensnobelpreisträger und ehemalige Präsidentschaftskandidat Mohammed al Baradei warnte vor einem Auseinanderbrechen des Landes. In einer Videobotschaft forderte er Neuwahlen und betonte mit Blick auf Mursi: „Wir haben ihm einen Führerschein gegeben, aber er kann nicht Auto fahren.“ Unterstützer Mursis beharren jedoch darauf, dass der Islamist bis zum Ende seiner vierjährigen Amtszeit bleibt.

Mehrere Demonstrationszüge aus dem Westteil Kairos zogen am Sonntagabend vor den Präsidentenpalast, der von der Armee bewacht wurde. Mitte der Woche hatte die Armee bereits erklärt, sie werde eingreifen, sollte das Land in Chaos abdriften. Militärhelikopter verfolgten den ganzen Tag über das Geschehen aus der Luft. (mit AFP/dpa)

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