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Demonstrationen in Deutschland : "Nopegida" schlägt "Pegida" - nur nicht in Dresden

In mehreren deutschen Städten hat "Pegida" am Montag erneut demonstriert. In Dresden erreichte die Teilnehmerzahl einen Höchststand. In Leipzig, München und Düsseldorf waren die Gegendemonstranten deutlich in der Überzahl.

von , , , und Uwe Soukup
Phantasievoller Protest: Nolegida-Demonstration am Montagabend in Leipzig
Phantasievoller Protest: Nolegida-Demonstration am Montagabend in LeipzigFoto: Hendrik Schmidt/dpa

Vielleicht musste erst der „Pegida“-Ableger „Legida“ nach Leipzig kommen. Denn am Montagabend konnten die Sachsen in der Messestadt zeigen, wie erfolgreiche Gegenwehr gegen die islamfeindliche Bewegung geht.

25.000 „Pegida“-Anhänger in Dresden

Es ist der zwölfte montägliche Spaziergang von „Pegida“ in Dresden – und die Stimmung knapp eine Woche nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ scheint aufgeheizter als in den Vorwochen. Und das, obwohl Protest-Organisator Lutz Bachmann diesmal, angeblich aus Respekt vor den Toten in Paris, dazu aufruft: „keine Parolen, keine Schreiereien“. Das klappt nur eine Weile. Immer wieder ertönen Sprechchöre, nicht nur „Wir sind das Volk“, sondern auch „Lügenpresse“. Obwohl Bachmann verlangt hat: „Nein, Ruhe, heute nicht.“ Diese Zuspitzung gibt es vor allem, wenn sich Gegendemonstranten in den Weg stellen oder versuchen, mit einer Sitzblockade den Demonstrationszug aufzuhalten. Kleine Gruppen sind das meist nur, jeweils ein paar Dutzend. „Nopegida“ bleibt in der Minderzahl. Die Staatsregierung Sachsen und die Stadt Dresden hatten den Protest zunächst dem „Bündnis Dresden nazifrei“ allein überlassen – und sich erst vergangene Woche kurzfristig entschieden, ein klares Zeichen für die Weltoffenheit von Land und Stadt zu setzen. Bei der Großkundgebung am Samstag beteiligten sich dann 35.000 Menschen. Die CDU im Freistaat – namentlich auch Ministerpräsident Stanislaw Tillich – legte Wert darauf, dass diese Versammlung nicht als Anti-„Pegida“-Versammlung verstanden wird – obwohl viele Teilnehmer genau das wollten. Am Montagabend, während „Pegida“ durch Dresden marschiert, twitterte das sächsische Innenministerium „Erfolgsmeldungen“: „Abschiebungen in 2014 aus Sachsen 977 Personen“.

Am Montagabend beteiligen sich laut Polizei mehr als 25.000 Menschen an der „Pegida“-Demonstration – das ist ein neuer Höchststand. Zuletzt hatten sich am Montag vergangener Woche 18 000 Menschen in Dresden angeschlossen. Ihnen stehen diesmal nur etwas mehr als 3000 Gegendemonstranten gegenüber. Die „Pegida“-Anhänger – überwiegend Männer in jungem und mittlerem Alter – kommen diesmal nicht nur aus Dresden, sondern sind extra angereist. Neben Deutschlandfahnen und Fahnen Sachsens sind auch solche aus Brandenburg und Thüringen häufig zu sehen. Andere schwenken russische oder französische Flaggen. „Je suis Charlie“ steht auf Transparenten. Andere halten offenbar professionell hergestellte Plakate „Lieber aufrecht zu „Pegida“ als auf Knien gegen Mekka“. „Pegida“ hat seine Anhänger aufgerufen, mit Trauerflor zu marschieren, im Gedenken an die Opfer des Anschlags auf „Charlie Hebdo“, nur ein kleinerer Teil hält sich daran. Die Kundgebungsreden von Organisator Bachmann und Kathrin Oertel konzentrieren sich auf den Vorwurf, „Pegida“ sei „Diffamierungen und Falschmeldungen ausgesetzt wie zu tiefsten DDR-Zeiten“. Völlig zu unrecht werde „Pegida“ auf eine Stufe mit Massenmördern und Attentätern gestellt. Nach der Kundgebung geht es dann für die „Pegida“-Gegner ans „Aufräumen“: Wie schon vergangene Woche ziehen sie mit Warnwesten und Besen vom Postplatz aus durch die Stadt.

"Pegida"-Demonstranten am Montag vergangener Woche in Dresden.
"Pegida"-Demonstranten am Montag vergangener Woche in Dresden.Foto: dpa

30.000 gegen „Legida“-Marsch in Leipzig

Erstmals trat gestern Abend in Leipzig auch der „Pegida“-Ableger „Legida“ auf. Nach Schätzungen marschierten etwa 5700 Anhänger mit „Wir sind das Volk“-Sprechchören und DeutschlandFahnen durch das gespenstisch wirkende Wohngebiet Waldstraßenviertel – umringt von einer Phalanx von Gegnern in den Nebenstraßen. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) sprach auf einer Kundgebung auf dem nahen Waldplatz von mehr als 30.000 Menschen, die sich gegen das islamfeindliche Bündnis stellten. Ihr Motto: „Willkommen in Leipzig – eine weltoffene Stadt der Vielfalt.“ Jung rief in die Menge: „Es kann nicht sein, dass sich einige auf ’89 beziehen – aber eine neue Mauer aufbauen und Menschen ausgrenzen wollen.“ Leipzig stehe für „Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit". Vor der Legida-Kundgebung am Stadion des Fußball-Zweitligisten Rasenball Leipzig (Red Bull) gab es mehrfach Handgemenge zwischen der Antifa und „Legida“-Mitläufern. Die „Legida“-Gegner versuchten massiv, den Zugang zum Platz abzusperren. Die Polizei, die mehr als 1000 Beamte im Einsatz hatte, musste vereinzelt Reizgas einsetzen, um die Gruppen voneinander zu trennen. Das Stadion und die Sporthalle „Arena" waren verdunkelt, auch Anwohner des Viertels hatten ihrer Lichter ausgeschaltet und laute Musik aus ihren Wohnzimmerfenstern gespielt, darunter Beethovens Europahymne „Ode an die Freude“. Beim Friedengebet in der Nikolaikirche war das Gotteshaus mit mehr als 2500 Menschen völlig überfüllt, Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel sang: „Kein Mensch ist illegal.“

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