Demonstrationen in Georgien : Justiz ermittelt gegen homophobe Priester

Eine Menschenmasse, angeführt von orthodoxen Priestern, hat vor zwei Wochen eine Demonstration von Homosexuellen brutal niedergeschlagen. Jetzt ermittelt die Justiz. Die Stimmung auf den Straßen von Tiflis bleibt aber angespannt, wie Menschenrechtler berichten.  

Manuela Tomic
Angreifer attackieren homosexuelle Demonstranten.
Die Angreifer setzten sich am 17. Mai gegen die Polizei durch und attackierten homosexuelle Demonstranten.Foto: dpa

Langsam kehrt nach den Krawallen in Tiflis wieder Ruhe ein. Vor zwei Wochen haben tausende Menschen, angeführt von Priestern, Steine und Wasserflaschen auf etwa zwei Dutzend Schwule, Lesben und Menschenrechtsaktivisten geworfen. „Die Angreifer haben uns beschimpft und angespuckt“, erzählt ein Augenzeuge. 28 Menschen wurden verletzt, die Demonstranten konnten nur mit viel Glück fliehen. „Danach fühlten wir uns auf Tiflis’ Straßen nicht mehr sicher“, erzählt eine Menschenrechtsaktivisten in Georgien.

Kurze Zeit nach der Demonstration verurteilte Regierungschef Bidsina Iwanischwili die Gewalt: „Wer gegen die Gesetze verstoßen hat, wird zur Verantwortung gezogen.“ Jetzt ermittelt die Justiz gegen einen leitenden Geistlichen der Hauptstadt-Kathedrale und den Abt eines Klosters. Die beiden Geistlichen sollen tausende Gläubige zu der Tat aufgehetzt haben. Georgischen Medienberichten zufolge existiert ein Video von den Ausschreitungen, auf dem einer der angeklagten Geistlichen den flüchtenden Demonstranten zuruft: „Wir werden euch töten.“

Das Ministerium ließ offen, wie die genaue Beschuldigung für die Priester lautet, ob sie also lediglich mit Gewalt gedroht haben oder selbst gewalttätig geworden sind. Der vom Ministerium angeführte Gesetzesparagraf sieht als mögliche Höchststrafe drei Jahre Haft vor. 

Der georgische Kultur- und Literaturwissenschaftler Zaal Andronikashvili glaubt nicht, dass die Haftstrafen realistisch sind: „Es ist wahrscheinlicher, dass die beiden Geistlichen nicht mal in die U-Haft kommen. In diese Richtung kann man das Statement der Staatsanwaltschaft deuten. Sie werden im besten Fall Geldbuße zahlen müssen.“ Andronikashvili hatte vor einer Woche eine Solidarisierungs-Demonstration vor der georgischen Botschaft in Berlin mitorganisiert. Auch der ständige Vertreter der Botschaft besuchte die Demonstranten und hörte sich die Forderungen an. Einen offiziellen Kommentar wollte er aber nicht geben.

„Wir fordern nach wie vor, dass die Täter vor Gericht kommen und, dass es keine Vermischung von Kirche und Staat gibt“, sagte Mareike Wenzel, Schauspielerin und Mitorganisatorin der Kundgebung in Berlin. Auch in Brüssel und London fanden Solidaritäts-Kundgebungen statt, sie wurden im georgischen Nationalfernsehen ausgestrahlt. 

„Es geht nicht nur um Homosexuelle“, sagt Andronikashvili, „alle, die in irgendeiner Weise auffällig aussehen, oder einen anderen Lebensstil pflegen, werden auf den Straßen von Tiflis verbal oder körperlich angegriffen. Die Demonstration war ein Wendepunkt. Vor diesem Gewaltausbruch konnte sich das noch niemand vorstellen.“

Laut Spiegel-Online-Berichten soll auch Außenminister Guido Westerwelle seine Empörung bei seiner georgischen Amtskollegin Maia Panjikidze zum Ausdruck gebracht haben. 

Homosexualität ist in dem streng konservativen Kaukasusstaat noch immer stigmatisiert. Am Tag vor der Demonstration hatte das Oberhaupt der Orthodoxen Kirche Georgiens, Patriarch Ilia II., ein Verbot der Homorechts-Demo gefordert und erklärt, Homosexualität sei „anormal und eine Krankheit“. (mit kna/dpa)

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