Warum wächst die Wechselbereitschaft der Wähler?

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Demoskopie : Steckt die Wahlforschung in der Krise?

Sie oder er? Nach den Umfragen ist die Kanzlerfrage geklärt: Sie.
Sie oder er? Nach den Umfragen ist die Kanzlerfrage geklärt: Sie.Foto: dpa

Eine Lesart ist, das Fünfparteiensystem habe dazu geführt, dass die Wähler eine größere Wechselbereitschaft zeigen. Jung sieht den Hauptgrund allerdings eher in der „Entideologisierung der Gesellschaft, einer stärkeren Orientierung hin zur Mitte, nicht zuletzt bei den wirtschaftspolitischen Vorstellungen“. Darauf reagierten die Parteien, der Abstand zwischen ihnen werde geringer. „Daher können sich mehr Wähler vorstellen, auch eine andere Partei zu wählen. Und damit steigt die Wechselbereitschaft.“ Die Wechselbereitschaft deutet sich auch in den Stimmungsbildern an, also den ungefilterten Antworten auf die „Sonntagsfrage“: Wen wählen Sie, wenn am kommenden Sonntag schon Wahl wäre? Als einziges der Umfrageinstitute macht die Forschungsgruppe Wahlen diese ungewichteten Daten publik. Sie gibt regelmäßig zwei Zahlenreihen heraus. „Dass wir zu unserer Projektion auch Stimmungswerte veröffentlichen, also letztlich die gemessenen Rohdaten der Sonntagsfrage, entspricht unserem Transparenzverständnis“, sagt Jung. Die Rohdaten werden nur leicht gewichtet, um die Verteilung an die Sollwerte der amtlichen Statistik anzupassen – also die Wählerstruktur nach Alter, Geschlecht, Bildung. Die Projektion dagegen ist die Einschätzung der Forschungsgruppe, was tatsächlich herauskäme, wäre am kommenden Sonntag wirklich eine Wahl. Dann würden sich manche Befragten nämlich anders verhalten. Der Projektion liegen, so die Forschungsgruppe, langfristige Erkenntnisse über das Wählerverhalten zugrunde. Letztlich wird das aktuelle Stimmungsbild um Überzeichnungen nach unten und oben bereinigt. So machen es alle Umfrageinstitute; das genaue Vorgehen beim Gewichten der Daten ist ihr Betriebsgeheimnis.

Die Sprünge im Stimmungsbild, also bei den Rohdaten, können erheblich sein: Die Union zum Beispiel schwankte in den letzten Wochen bei den Erhebungen der FGW zwischen 40 und 50 Prozent, aktuell liegt sie bei 46 Prozent. Die Projektion der Forschungsgruppe liegt dagegen weiterhin bei 41 Prozent. Die Mannheimer Demoskopen gehen derzeit also davon aus, dass hier eine Überzeichnung vorliegt. Das Stimmungsbild für die SPD liegt bei 27 Prozent, die Projektion geht von 25 Prozent aus. Erfahrungsgemäß liegen die FDP und die Linken in der Stimmung, bei den Rohdaten, schlechter als an einem Wahltag, womit sie in der Projektion dann höher eingestuft werden.

Wegen der mitunter recht großen Sprünge von Tag zu Tag und den unterschiedlichen Formen der „Gewichtung“ der Rohdaten unterscheiden sich auch die Umfrageprojektionen der einzelnen Institute. Die SPD etwa pendelt aktuell zwischen 22 Prozent (Forsa für den Sender RTL) und 26 Prozent (Insa für die "Bild"-Zeitung) – eine gute Übersicht dazu gibt es bei "wahlrecht.de". Doch sollte nicht zu viel in die Differenzen hineingeheimnist werden, auch wenn Forsa die SPD regelmäßig schwächer sieht als der Rest und dafür kritisiert wird, nicht zuletzt von Sozialdemokraten. Die Fehlertoleranz bei den großen Parteien liegt bei zwei bis drei Prozent. Das Online-Portal „pollytix“ bietet täglich aktualisiert Durchschnitte der Umfragen – das bügelt Verzerrungen aus.

Wie laufen die Umfragen ab?

Die meisten Institute nutzen weiterhin den klassischen Weg der Befragung: per Telefon, via Festnetz. Nur Allensbach führt direkte Gespräche, Insa nutzt einen Online-Pool mit festen Teilnehmern. Umfragen via Internet sind umstritten, weil nicht immer klar ist, wie repräsentativ sie sein können. Ein Problem ist, dass die Zahl derer wächst, die nur noch ein Mobiltelefon nutzen. Geschätzt sind es etwa zehn Prozent. Dadurch würden nicht mehr alle Wählergruppen erfasst, lautet der Einwand. „Wir schenken dem größeres Augenmerk“, sagt Jung. „Wir haben bei drei Politbarometern parallel auch jeweils gut tausend Mobiltelefonierer gefragt, also eine reine Mobil-Stichprobe gemacht – mit dem Ergebnis, dass die Differenzen im Hinblick auf die Wahlabsicht eher vernachlässigbar sind.“ Die Umfrage bei Festnetznutzern werde weiterhin die Basis des Politbarometers bleiben, zumal sie einen großen Vorteil habe: „Wir können damit im Gegensatz zu den Mobilnummern die Befragten regional genau zuordnen, was für eine repräsentative Umfrage sehr wichtig ist.“

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