Politik : Den Armen in Mexiko reicht’s

Jürg Roggenbauch

Mexiko-Stadt - „Jetzt reicht’s! Wir werden so lange hier campen, bis die Richter eine komplette Neuauszählung der Wahl anordnen“, sagt Jesus Ortiz. „Seit jeher werden die Armen in diesem Land benachteiligt. Wirklich, jetzt reicht’s.“ Ortiz gehört zu etwa 20 000 Menschen, die seit zehn Tagen im Zentrum und auf einer der meistbefahrenen Verkehrsachsen der 20-Millionen-Metropole Mexiko-Stadt campen. Der Transport in der ohnehin schon chaotischen Innenstadt steht dadurch teilweise still. Der Unmut nimmt täglich zu. Für Familienvater Ortiz und seine Camping-Kameraden der mexikanischen Linken aber war die Präsidentschaftswahl vom 2. Juli der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Nun fordern sie auf der Straße den politischen Umschwung.

Laut dem vorläufigen Ergebnis hat der Konservative Felipe Calderon die Wahl mit hauchdünnem Vorsprung vor dem Sozialdemokraten Andres Manuel Lopez Obrador gewonnen. Calderon repräsentiert die Oberschicht, Lopez Obrador die Armen, die in Mexiko mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Die linke Koalition um Lopez Obrador weigert sich, das Ergebnis anzuerkennen. Sie spricht von Wahlbetrug. Das Wahlgericht hat die Revision von etwa neun Prozent der 42 Millionen Stimmzettel angeordnet. Die linke Koalition aber fordert eine Neuauszählung aller Wahlzettel, Stimme für Stimme.

Hunderttausende sind dafür in den vergangenen Wochen wiederholt auf die Straße gegangen. Das rund zehn Kilometer lange Zeltlager vom Zentrum der Hauptstadt in Richtung Südwesten ist der vorläufige Höhepunkt einer Protestwelle, wie sie Mexiko selten erlebt hat. Die Stimmung ist friedlich.

Nebenan, im Geschäftshochhaus „Torre Mayor“, arbeiten mehr als 2000 Menschen. Die meisten gelangen normalerweise per Auto, Taxi oder Bus zur Arbeit. In diesen Tagen aber hetzt die Mehrheit zu Fuß in Richtung Eingang. Andere lassen sich von einem der geschäftstüchtigen Motorradbesitzer für umgerechnet einen Euro durch die Zeltstadt kurven. Wenige hier teilen die Meinung der Demonstranten. „Nein“, sagt Leon Robles, „ich glaube die Geschichte vom Wahlbetrug nicht.“ Dem Pförtner ist die wirtschaftliche Stabilität, für welche die Konservativen stehen, wichtiger als politischer Idealismus.

Mexiko ist politisch gespalten. Selbst die gewohnte Gleichgültigkeit, die viele der Politik entgegenbringen, kann nicht über die angespannte Situation hinwegtäuschen. Ungewissheit und ein Gefühl von Machtvakuum dominieren die Atmosphäre. Der soziale Friede steht vor einer Zerreißprobe. Die Linke, die in Mexiko noch nie an der Macht war, will nicht klein beigeben. Was aber passiert, wenn das Wahlgericht bis zum Stichtag 31. August eine komplette Nachzählung ablehnt? Werden die friedlichen Proteste in gewalttätige umschlagen? „Das ist diesmal nicht mehr auszuschließen“, sagt Camper Jesus Ortiz.

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