• "Den Ausweg aus dem Nationalismus gewiesen" - Prag feiert den Gründer des tschechoslowakischen Staates

Politik : "Den Ausweg aus dem Nationalismus gewiesen" - Prag feiert den Gründer des tschechoslowakischen Staates

Alexander Loesch

TGM - drei Initialen, die in Tschechien jedem vertraut sind. Sie stehen für den Namen des Philosophen, Begründers und ersten Präsidenten der Tschechoslowakei, Tomás Garrigue Masaryk. Vor allem für seine pazifistische Politik wurde er schon zu Lebzeiten in der demokratischen Welt geschätzt. Nach seinem Tod im Jahr 1937, erst unter der braunen und dann roten Diktatur in seinem Land, war er für viele Tschechen und Slowaken ein Symbol der westlichen Identität. Nach der Wende in Prag kehrte er in den nationalen Pantheon zurück. Nur eines gab es in der tschechischen Hauptstadt bislang nicht: ein Masaryk-Denkmal. Diese Ehrung wurde jetzt nachgeholt: zu seinem 150. Geburtstag am 7. März.

Doch so viel Anerkennung Masaryk erfahren hat, fast genau so viel Widerspruch schlug ihm stets entgegen. Es war meist eine Reaktion auf die Widersprüche bei ihm selbst. Und diese resultierten wiederum aus dem Spannungsfeld zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert. Der Sohn einer deutschen Mutter und eines slowakischen Vaters aus dem mährischen Göding, der an der Wiener Universität zum Doktor der Philosophie graduiert (1876), später Professor an der Prager Universität (1882-1914) und schließlich auch Abgeordneter für die kleine tschechische "Realisten-Partei" im Wiener Parlament (bis 1914) war, blieb Zeit seines Lebens ein Denker des 19. Jahrhunderts. Andererseits, vor allem unter dem Einfluss seiner hochgebildeten amerikanischen Frau Charlotte Garrigue, deren Namen er zu seinem eigenen hinzugefügt hatte, fühlte er sich den spezifischen demokratischen Gleichheits-Prinzipien der US-Moderne verpflichtet, die das 20. Jahrhundert prägten. So war der pragmatische Philosoph den Akademikern zu politisch, den Politikern zu philosophisch, den Liberalen zu religiös, für die Katholiken gar ein "Atheist", den Sozialisten zu konservativ und den Monarchisten ein Verräter - obwohl er sich eine Existenz der tschechischen Nation außerhalb des Habsburger-Staats bis 1915 kaum vorstellen konnte.

Erst unter dem Eindruck der immer engeren Allianz Österreich-Ungarns mit dem nationalistisch auftretenden Deutschland im Ersten Weltkriegs, die er als Bedrohung für die weitere Entwicklung slawischer Völker in der Donaumonarchie empfand, wurde Masaryk während seines Exils (1914-1918) in Frankreich und in den USA zum Vorkämpfer einer tschecho-slowakischen Eigenstaatlichkeit.

Die Widersprüche bei Masaryk setzten sich auch während seiner vierfachen Präsidentschaft (1918-1935) in der neuen CSR fort. Der Politiker, der Ende des 19. Jahrhunderts "historische" Handschriften über eine ruhmreiche tschechische Vergangenheit als Fälschung enthüllt und die Nationalisten gegen sich aufgebracht hatte, verletzte die Gefühle der drei Millionen Deutschen im Lande schon in einer Rede nach seiner ersten Wahl zum Präsidenten Ende 1918. Darin bezeichnete er sie als "Immigranten und Kolonisten" und stempelte sie somit indirekt zu Bürgern zweiter Klasse ab. Und der überzeugte Demokrat ließ es auch zu, dass die Staatspropaganda mit seiner Person einen aufwändigen Verehrungskult betrieb, der ironischerweise das offizielle asketische Erscheinungsbild des vorletzten Kaisers Franz Joseph kopierte.

Masaryk selbst versuchte in seinen letzten Jahren diesem Kult entgegenzuwirken. Mit Hilfe von Karel "Capek, einem der bedeutendsten tschechischen Schriftsteller jener Zeit, und dessen Buches mit dem bewusst minimalistischen Titel "Gespräche mit TGM", sollte ein zivileres Bild des Staatsgründers vermittelt werden. Masaryks spätere öffentliche Auftritte waren außerdem national versöhnlicher, um die Integration der deutschen Bürger bemüht. Angesichts der heraufziehenden braunen Wolken in Deutschland kam in der CSR auch einer der größten Verdienste Masaryks zum Tragen: Der Antisemitismus war in dem jungen Staat nicht gesellschaftsfähig. Das war die Folge seines tapferen Auftretens in einer Affäre, die einst die Donaumonarchie bewegte. Im Mittelpunkt stand der jüdische Händler Leopold Hilsner, den die Volksmeinung und dann die Justiz eines "Ritualmords" bezichtigten. Masaryk verteidigte nicht nur Hilsner gegen die aufgehetzte Öffentlichkeit, sondern nutzte die Gelegenheit, um die "Schande der antisemitischen Vorurteile" anzuprangern. Als Masaryks innenpolitisches Versöhnungswerk zu wirken begann, war es aber zu spät. So erklärte der Führer der sudetendeutschen Sozialdemokraten, Wenzel Jaksch, noch im Herbst 1937 in einem Nachruf, dass T. G. Masaryk "eine Hoffnung für alle anständigen Menschen sowohl im tschechischen als auch im deutschen Volk" gewesen sei und "einen befreienden Ausweg aus dem selbstmörderischen Nationalismus und Rassismus" gewiesen habe. 1938 fiel der TGM-Staat Hitler zum Opfer.

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