Politik : Den Dörfern, die den Russen trotzen, geht die Nahrung aus

Elke Windisch

Weißes Wasser zischt durch die Klamm, die Reiseführer aus längst vergangenen Friedenszeiten als tschetschenisches Paradies anpreisen. Der aus Georgien kommende Fluss Argun tobt in seinem Bett und heult dabei wie ein Kettenhund.

Längst hat der nach üppigem Herbstregen bedrohlich angeschwollene Strom die wackeligen Holzbrücken mit sich gerissen. Die einzige steinerne Straßenbrücke aber, 20 Kilometer flussabwärts, wo die Ebene beginnt und der Argun schon einiges an Wildheit verloren hat, wurde Mitte November von russischen Bombern zerstört.

Wer seither ans andere Ufer will, muss die eisigen Fluten durchqueren. Das ist wegen der glitschigen Steine im Flussbett schon im Sommer ein höchst gefährliches Unternehmen. Jetzt wird es zum tödlichen Risiko. Doch die Flüchtlinge haben keine Wahl. Hinter ihnen brennt die Welt. In Schatoi machen russische Flieger die Nacht zum Tage. Die Flammensäule wirft unstetes Licht auf die von Bombentrichtern übel zugerichtete Straße, auf der die Flüchtlingstrecks ihrem Ziel entgegenstolpern: Itum-Kale, das letzte größere Dorf vor der Grenze. Von dort führt ein Geröllpfad mitten über den Kamm des Großen Kaukasus ins rettende Georgien.

Kale bedeutet Festung, und die 5000-Seelen-Gemeinde trägt ihren Namen zu Recht. Bis heute hat sich in der Schlucht des Argun ein mehrgeschossiger Turm erhalten, der oben unter dem Dach statt Fenster nur Schießscharten hat: ein Zufluchtsort in Zeiten der Blutrache.

Seit Moskaus zweitem Tschetschenienkrieg dient der Turm etwa dreißig Kämpfern als Unterschlupf. Männer, die entschlossen sind, bis zur letzen Kugel zu kämpfen. Viele von ihnen stammen aus dem 60 Kilometer entfernten Gudermes, Tschetscheniens zweitgrößte Stadt und wichtigster Eisenbahnknotenpunkt. Im November jagten die Einwohner die Kämpfer aus der Stadt, um die Zerstörung zu verhindern. "Russenknechte", sagt Ahmad und spuckt auf die Erde: "Pack aus der Ebene."

Der 24-Jährige stammt aus einem tschetschenischen Bergstamm. Geboren ist er allerdings in Jordanien: Nach der Niederlage der Bergvölker im großen Kaukasuskrieg Mitte des 19. Jahrhunderts ließen die russischen Zaren die Aufsässigsten ihrer Untertanen - Tscherkessen und Tschetschenen - zu Hunderttausenden in die osmanische Türkei deportieren, zu der damals noch große Teile der arabischen Halbinsel gehörten.

"Die Russen nennen uns Söldner", sagt Ahmad. "Alles Lüge. Die meisten von uns hat niemand hierher geschickt. Mein Herz hat mir gesagt, dass mein Platz jetzt hier ist." Eigentlich war Ahmad, der in Amman Geschichte und Kulturwissenschaft studiert, wegen seiner Doktorarbeit in die alte Heimat gekommen. Die Märchen der Kaukasusvölker wollte er aufzeichnen und als illustrierte Prachtausgabe veröffentlichen. Eines davon geht so: Vor vielen, vielen Jahren kam ein König aus dem Norden und sperrte die schöne Prinzessin, die ihm nicht zu Willen sein wollte, in einen Turm in den Bergen. Den Eingang bewachen in Holzlöffel verwandelte Krieger. Unter der Jahrhunderte alten Staubschicht sind sie nur noch zu erahnen. Wer die Prinzessin befreien will, muss alle Löffel umdrehen. Übersieht er nur einen einzigen, schlägt der Alarm, und alle Löffel verwandeln sich zurück in Krieger. Der junge Held stirbt, und die Prinzessin bleibt eine Gefangene. "Ganz bestimmt werde ich das Buch herausbringen", sagt Ahmad. "Aber erst mal muss ich mithelfen, dass Märchen wahr werden."

Die Chancen dafür stehen schlecht. Ahmad und die anderen Männer aus dem Blutturm kämpfen auf verlorenem Posten. Zwar sitzen Moskaus Fallschirmjäger auf dem "Totenkopf", einem Hochplateau in der Nähe des Dorfes, wie in einer Mausefalle. Doch die Tschetschenen wissen, dass es sich dabei nur um die Vorhut handelt. Weitere russische Soldaten werden folgen, sobald sich der Nebel lichtet.

Das Ziel ist den meisten Kämpfern ohnehin längst abhanden gekommen. Sie kennen nur noch Hass auf die Holzlöffel und Schmerz um die Toten, wie sie inzwischen jede Familie zu beklagen hat. Frauen, Kinder, Alte. Von Plastikminen zerfetzt, von Bombensplittern getroffen, verbrannt.

Itum-Kale gehört zu der Handvoll Siedlungen, die von Moskau noch nicht "befreit" wurden, und blieb bisher auch weitgehend von Bombenangriffen verschont. Doch voller Entsetzen verfolgen die Dorfbewohner in klaren Nächten den roten Schein am Himmel, der näher und näher rückt. Einziger Wunsch der Kämpfer: Beim eigenen Tode so viele Feinde wie möglich mit ins Grab zu reißen.

Doch nicht einmal das dürfte ihnen vergönnt sein. Der Feind sitzt in Kampfflugzeugen sowie Hubschraubern und ist für die nach Vergeltung dürstenden Kämpfer unerreichbar. "Die Russen kämpfen feige", findet auch Ramsan Magomadow, der 70 Jahre alte Dorfschullehrer von Itum-Kale: "Nicht wir sind Terroristen, sie terrorisieren uns, damit wir aufgeben." Magomadow war mit dabei, als "unten in Grosny" im September 1991 auf dem Gebäude des ehemaligen Parteikomitees erstmals die Flagge mit dem Totem-Tier der Tschetschenen gehisst wurde - der Wölfin, die den Mond anheult.

"Nicht einmal die vielen alten Männer konnten dabei ihre Tränen zurückhalten", sagt Lehrer Magomadow. Seine Augen glitzern vor Hass, als er ein Flugblatt zerreißt, das zur Kapitulation auffordert. Wut ist nicht nur Balsam für die wunde Seele, sie ist auch so ziemlich das Einzige, womit sich die Leute in Itum-Kale den leeren Bauch füllen können.

Die Mühle in Staryje Atagi, die einzige in der Umgebung und nach dem ersten Krieg mit Geldern vom Internationalen Komitee des roten Kreuzes gebaut, haben die Russen schon im Oktober zerbombt. Korn ist ohnehin längst Luxusgut. Und Nachschub ist nicht zu erwarten. Seit Anfang Januar haben die Russen die einzige Straße blockiert, die die zentralen Landesteile mit dem Süden verbindet. Auch über die georgische Grenze kommt seit Winteranbruch fast nichts mehr. Einzige Verbindung zur Außenwelt ist ein Maultierpfad in die Nachbarrepublik Dagestan, der hoch oben in den Bergen verläuft. Die Tschetschenen benutzen ihn nur nachts und auch dann nur im äußersten Notfall. Auf den Höhen sitzen russische Scharfschützen, die auf alles zielen, was sich bewegt.

Von den knappen Getreidereserven, die inzwischen mit Mais und sogar mit Schrot gestreckt werden, wird daher in Itum-Kale Brot für alle gebacken - für die 3000 zurückgebliebenen Einheimischen und die fast anderthalbtausend Flüchtlinge.

Auch der Dorfkonsum ist so leer, dass Mäuse sich auf Nahrungssuche Blutblasen laufen würden. Verkäuferin Madina hat nur noch Streichhölzer, Knoblauchzehen und ein paar Stangen georgischer Zigaretten ohne Filter anzubieten. Strom gibt es seit Monaten nicht mehr, auch die Batterien für das Kofferradio sind längst leer. Dabei wüsste Lehrer Magomadow gern, ob Moskau noch immer an den Plänen festhält, Grosny nach dem Sieg zu schleifen.

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