Politik : Den Frauen zum Schutz

Ankara plant eine Kampagne gegen so genannte Ehrenmorde – sie geschehen in der Türkei immer wieder

Susanne Güsten[Istanbul]

Dass die 16-jährige Meryem Sezgen kurz vor der Geburt ihres Kindes ihren großen Bauch nicht mehr verbergen konnte, war ihr Todesurteil. Nur einen Tag nach Veröffentlichung eines neuen Aktionsplans der türkischen Regierung zur Bekämpfung der so genannten Ehrenverbrechen Anfang der Woche ist das im siebten Monat schwangere Mädchen aus Gaziantep im Südosten des Landes von ihrem eigenen Bruder mit Schüssen in Kopf und Brust getötet worden. Meryems Schwangerschaft habe die Ehre der Familie besudelt, sagte der Täter nach seiner Festnahme. Der Mord von Gaziantep ist ein besonders unbarmherziges Verbrechen, denn mit Meryem starb ihr ungeborenes Kind. Trotzdem zeigt die Familie keinerlei Reue.

Meryem – der Name ist die türkische Form von Maria – wusste, dass ein unverheiratetes Mädchen, das ein Kind erwartet, nach den Moralvorstellungen Ostanatoliens die Ehre seiner Familie beschmutzt. Deshalb log sie ihren Bruder Selahattin an und sagte, sie habe zu viel gegessen und deshalb zugenommen. Selahattin war auf der Flucht vor der türkischen Armee, weil er mitten in seinem Wehrdienst ausgebüxt war. Bei einem seiner heimlichen Besuche im Haus der Familie in Gaziantep hatte er die Schwangerschaft seiner Schwester bemerkt.

Weder Selahattin noch die anderen Mitglieder ihrer Familie glaubten Meryems Geschichte. Am Mittwochmorgen um fünf Uhr weckte Selahattin deshalb seine Schwester und fragte wütend nach dem Vater des Kindes. Als Meryem in Tränen ausbrach, erschoss der 22-Jährige das Mädchen mit einem großkalibrigen Repetiergewehr, einer so genannten Pumpgun. Als wenig später die von Ohrenzeugen alarmierte Polizei eintraf, hatte Selahattin die Tatwaffe noch in der Hand. Meryem habe gegen „unsere Sitten“ verstoßen, sagte er im Verhör.

Offenbar zählt für die Sezgens nur, dass ihre „Ehre“ durch den Tod des jungen Mädchens wiederhergestellt wurde. Auf diesen archaischen Moralkodex zielt das neue Aktionsprogramm der Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Im Zuge ihrer EU-Bewerbung hatte die Türkei im vergangenen Jahr bereits Strafnachlässe für Ehrenmorde abgeschafft. Nach Angaben des zu dem Thema eingesetzten Untersuchungsausschusses im Parlament von Ankara hatte dies zwar zu einem Rückgang bei den Ehrenverbrechen geführt; gelöst ist das Problem aber noch lange nicht.

Immerhin hat Ankara eingesehen, dass den Ehrenmorden mit Gesetzen allein nicht beizukommen ist. Ein Kernpunkt in Erdogans Aktionsprogramm ist deshalb die Forderung nach Einrichtung von regionalen und lokalen Bündnissen von Behörden und gesellschaftlichen Gruppen. Zudem soll das staatliche Religionsamt in den 80 000 Moscheen des Landes die Botschaft gegen den Ehrenmord verbreiten. Fernsehsendungen sowie Kampagnen in Schulen und Sozialeinrichtungen sollen ebenfalls dabei helfen, die Veränderung in den Köpfen voranzutreiben.

Bis dieses Ziel erreicht ist, soll Opfern konkret geholfen werden, denn viele Mädchen und Frauen wissen nicht, wohin sie sich wenden können, wenn sie von ihrer Familie bedroht werden. Nach wie vor gibt es viel zu wenige Frauenhäuser. Die verstärkte Einstellung von Frauen durch die Polizei und die Einrichtung einer telefonischen Telefon-Hotline sollen nun kurzfristig Abhilfe schaffen. Für Meryem und ihr Kind kommt Erdogans Maßnahmenpaket jedoch zu spät.

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