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Den Haag : 24 Jahre Gefängnis für Kroaten-General Gotovina

15.04.2011 17:41 Uhr
Ex-General als Vorbild. Eine Frau hält in Zagreb eine Zeitung hoch, in der Gotovina als Held bezeichnet wird. AFPBild vergrößern
Ex-General als Vorbild. Eine Frau hält in Zagreb eine Zeitung hoch, in der Gotovina als Held bezeichnet wird. AFP - Foto: AFP

Update24 Jahren Gefängnis: Das UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien hat den früheren kroatischen General Ante Gotovina wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt.

Ein Kriegsverbrechertribunal der Vereinten Nationen hat den ehemaligen kroatischen General Ante Gotovina schuldig gesprochen und zu 24 Jahren Haft verurteilt. Gotovina sei für Mord und Plünderungen bei der Vertreibung von 200 000 Serben während der Balkan-Kriege 1995 verantwortlich, erklärte das UN-Tribunal am Freitag in Den Haag. Damals seien Dutzende Menschen ums Leben gekommen, als während der Wiedereinnahme der Krajina-Region durch kroatische Kräfte Städte und Dörfer beschossen wurden. Gotovina hatte sich für nicht schuldig erklärt.

Zusammen mit Gotovina wurde auch der Polizei-General Mladen Markac wegen der gleichen Vorwürfe schuldig gesprochen und zu 18 Jahren Haft verurteilt.

Ein Armee-General, Ivan Cermak, wurde dagegen freigesprochen.

Der heute 55-jährige Gotovina gilt in Kroatien als Held wegen seiner Rolle während des viertägigen Feldzugs in der Krajina. Seine Festnahme 2005 in Spanien hatte Proteste in seiner Heimat ausgelöst.

Gotovina wurde 1955 auf der Insel Pasman unweit des Küstenortes Zadar im Süden Jugoslawiens geboren. Mit 16 Jahren verließ er seine Heimat, arbeitete zunächst als Matrose für eine internationale Transportgesellschaft und schloss sich wenig später der französischen Fremdenlegion an. Diese verließ er 1979 wieder, bekam aber die französische Staatsbürgerschaft. Als Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma trainierte er später Paramilitärs in Argentinien und in Guatemala. Gotovina kehrte 1991 in die Heimat zurück, als Kroatien seine Unabhängigkeit erklärte und sich von Jugoslawien abspaltete.

Unmittelbar vor dem Urteilsspruch in Den Haag hatten in Kroatien die katholischen Bischöfe für den Freispruch Gotovinas beten lassen. Auch Regierungschefin Jadranka Kosoro hatte sich nichts anderes als die Freilassung des Volkshelden vorstellen können. Deshalb herrschte am Freitag bei den mehreren tausend Demonstranten im Zentrum von Zagreb Fassungslosigkeit, als auf dem Jelasic-Platz das Urteil über die Videowände flimmerte. „Katastrophe, Trauer, Schande“, wiederholten die Protestierenden immer wieder. Überall waren Pfiffe zu hören. Wegen befürchteter Ausschreitungen wurden in der Innenstadt starke Polizeikräfte zusammengezogen. „Wir erkennen das UN-Gericht nicht an“, „Der Krieg geht weiter“ und „Unser Verteidigungskrieg war gerecht“, empörten sich die Unzufriedenen im Zagreber Zentrum. „Kroatien wurde noch einmal gekreuzigt“ oder „Damit wurden wir alle verurteilt“, hieß es in hunderten Kommentaren aufgebrachter Bürger in Internetmedien.

Das Staatsfernsehen versuchte unterdessen in einer Sondersendung, mit Rechtsexperten das Urteil zu analysieren. Die waren sich schnell einig, dass „das Gericht einseitig kein einziges Argument der Verteidigung hören wollte“. „Die Urteilsverkündung war wie die Verlesung der Anklageschrift“, wurde kritisiert. Dass Gotovina und ein weiterer General verurteilt wurden, ein dritter aber freigesprochen wurde, sei inkonsequent und lasse auf einen besseren Ausgang der Berufungsverhandlung hoffen, hieß es.

Mitkämpfer der drei Generäle meldeten sich unter Tränen und sagten trotzig: „Wir sind stolz auf unseren Kampf.“ Ihre jetzt verurteilten Befehlshaber seien schließlich „Verteidiger der Heimat“ gewesen. „Wir alle haben heute verloren“, sagten Veteranenvertreter. „Jetzt müssen wir standhaft sein, um den kroatischen Staat zu bewahren.“ „Mit diesem Richterspruch werden der Vaterländische Krieg und Kroatien verurteilt“, zitierte die Zeitung „Jutarnji list“ einen Kritiker.

In der Tat erschüttert das UN-Tribunal mit diesem Urteil das Selbstverständnis fast aller Kroaten in den Grundfesten. Allgemeingut ist, dass Kroatien zwischen 1991 und 1995 einen „gerechten Krieg“ gegen seine serbische Minderheit geführt hat, die jahrelang ein Drittel des Landes „illegal okkupiert“ hatte. Diese Lesart hatte Regierungschefin Kosor noch vor wenigen Tagen erneut klargemacht. Bei dieser „Rückeroberung des feindlich besetzten Territoriums“ sei eben jedes Mittel recht und erlaubt gewesen, so Volkes Meinung.

Kroatien steht vor dem Abschluss der EU-Beitrittsverhandlungen. Doch die ohnehin skeptische Haltung der Bevölkerung, die über einen Beitritt zur Union abstimmen muss, dürfte mit diesem als ungerecht empfundenen Urteil nur noch verstärkt werden, hieß es in ersten Kommentaren. (rtr/dpa/AFP)

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Eine Recherchekooperation des Tagesspiegels mit dem ARD-Magazin "Fakt".

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