Politik : Den Hof machen

Kanzlerkandidatin Merkel gibt sich bei den Landfrauen bodenständig – Ministerin Künast hat es schwer

Andreas Frost[Rostock]

Mit einfachen Bildern hat Angela Merkel den Nerv von mehr als 3000 Landfrauen getroffen. Viele Deutsche könnten komplizierte Computer bedienen, „aber keine Kartoffel mehr kochen“, bedauerte die Kanzlerkandidatin der Union gestern auf dem Landfrauentag in Rostock den Verlust von „praktischen, bodenständigen und traditionellen Fähigkeiten“. Und deshalb sei es wichtig, dass die Landfrauen ihr hauswirtschaftliches Wissen und Können, vom Kochen über Einkauf bis zur Kindererziehung und Altenpflege, wieder verstärkt in die Schulen und in die Städte tragen. Dann könnte man auch auf manche verbraucherschützende Vorschriften für den „mündigen Bürger“ verzichten, wie es die Präsidentin der Landfrauen, Erika Lenz, zuvor gefordert hatte.

Viele Zusagen machte Merkel den Bauern – Bürokratie abbauen, EU-Vorschriften nicht national zu Ungunsten der Landwirte verschärfen, die so genannte grüne Gentechnik als eine Zukunftsindustrie zulassen. Ganz im Sinne der Bauern bezweifelte sie den Sinn von neuen EU-Zuckermarktregeln, die ein brasilianisches Weltmonopol zu Lasten der einheimischen Bauern ermöglichten. Finanziell gab es kaum Zugeständnisse. Zwar will sie als Kanzlerin die Betriebszuschüsse der EU nicht anzweifeln, aber die Agrardieselsteuer wird sie wohl auch nicht wieder senken.

Die Herzen der meisten deutschen Bäuerinnen standen Merkel schon vor ihrem Auftritt offen. Lenz aber machte überdeutlich, was sie sich von Merkel erhofft. Für die letzten 87 Tage bis zur wahrscheinlichen Bundestagsneuwahl schenkte sie Merkel einen Korb voll vitaminhaltigen Inhalts.

Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) bekam keinen Korb, saß nach außen hin dennoch gut gelaunt dabei und freute sich des für sie wohl überschwänglichen Empfangs bei den Landfrauen. Sie hatten, wenn auch nur höflich, applaudiert. Am Tag zuvor, als auf dem Bauerntag Verbandspräsident Gerd Sonnleitner freudig und unverhohlen das Ende einer Zwangsehe und der Ära Künast mit heftigen Vorwürfen eingeläutet hatte, hatten die Bauern kaum eine Hand für sie gerührt und geschwiegen. Das laute Pfeifen, so schien es, hatte man ihnen untersagt.

Alle Ehrengäste begrüßte Sonnleitner „herzlich“, nur Künast nicht. Gleichgültigkeit gegenüber den Bauern, sogar Herumgetrampel auf dem Selbstwertgefühl der Bauern warf der Bauernverbandspräsident der rot-grünen Regierung vor. Und „am Ende ihrer Amtszeit“ wolle Künast „die Bürger gegen die Bauern aufhetzen“, um via TV bei den reichen Vorstädtern und im Kreuzberger Kiez gut anzukommen.

Doch Künast versuchte ihrerseits – „wo wir gerade beim Aufräumen sind“ - die Bauern vor ihrem Präsidenten zu warnen und einige Wahrheiten in ihrem Sinne zu vermitteln. Wer wie Sonnleitner die grüne Gentechnik befürworte, führe die Bauern in eine unselige Abhängigkeit von wenigen Saatgutkonzernen. Wer wie Sonnleitner deutsche Qualitätsstandards anzweifle, gefährde den Standortvorteil der deutschen Bauern, der in „Klasse statt Masse“ bestehe.

Trotz der kühlen Begrüßung war Künast den Bauern nicht böse. „Für eine, die durch und durch grün ist, bin ich doch geradezu liebevoll empfangen worden“, sagte sie. Und Sonnleitner lud Künast, „egal ob Ministerin oder nicht“, zum nächsten Bauerntag nach Bamberg ein. Die Grüne zeigte Galgenhumor. Sie gehe davon aus, „dass ich als Ministerin zu einem zwanzigminütigem Fachvortrag gebeten werde“. Schließlich hänge sie mit ihrem „Herzblut“ am Thema Landwirtschaft.

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