Politik : Den Nerv getroffen

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Sie heißt die grüne Zone. Hier laufen in Bagdad die politischen und militärischen Fäden zusammen. Im Palast des ehemaligen irakischen Staatschefs Saddam Hussein hat die USgeführte Koalition ihr Hauptquartier. Nebenan in dem sechs Quadratkilometer großen Viertel im Zentrum der irakischen Hauptstadt tagt der irakische Regierungsrat. Insofern traf das Selbstmordattentat, das den Präsidenten des Regierungsrates, Essedin Salim, am Eingang dieses schwer bewachten Sektors das Leben kostete, das Nervenzentrum des Landes.

Auch wenn die übrigen Mitglieder dieses von den USA handverlesenen Gremiums nun trotzige Durchhalteparolen ausgeben, dieses Attentat wird den Prozess der Machtübergabe an eine von der Bevölkerung akzeptierte irakische Regierung zusätzlich behindern. Der Rückhalt des Regierungsrates in der Bevölkerung hat in den vergangenen Monaten ohnehin dramatisch gelitten. Und der Anschlag wird das bürgerkriegsähnliche Chaos im Land weiter vergrößern und den Aufbau eines demokratischen politischen Lebens im Irak zusätzlich beeinträchtigen. Denn er gibt denjenigen einheimischen Politikern Recht, die ihre Ambitionen nach dem Sturz von Saddam erst einmal zurückgestellt hatten, um vorsichtig abzuwarten, „bis die erste Welle von Anschlägen vorbei ist“.

Der getötete 1943 im südirakischen Basra geborene schiitische Politiker Essedin Salim dachte anders. Er war 1975 wegen Aktivitäten gegen das Regime von Saddam Hussein festgenommen worden und hatte anschließend mehrere Jahrzehnte im kuwaitischen und iranischen Exil verbracht. Der Autor zahlreicher Bücher über religiöse Fragen und arabische Geschichte war erst nach dem Sturz Saddams zurückgekehrt. Er saß für die islamische Dawa- Partei im provisorischen Rat. Insofern war Salim für die Täter, die offenbar aus dem Umfeld der islamistischen Terrorgruppen Al Qaida und Ansar al Islam kommen, ein symbolträchtiges Ziel. Zum einen sehen sie in den Regierungsratsmitgliedern Kollaborateure der US-Besatzungsmacht. Zum anderen setzten sie darauf, durch ihre Untaten einen Keil zwischen die Sunniten und die schiitische Bevölkerungsmehrheit zu treiben.

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