Den Tod vor Augen : Politikerinnen in Afghanistan in Gefahr

Am Hindukusch leben Politikerinnen gefährlich – doch die Bevölkerung vertraut ihnen mehr als den Männern.

Karin Schädler

BerlinJahrelang lebte sie in Deutschland im Exil, dann engagierte sie sich in ihrer Heimat Afghanistan für Frauenrechte. Diesen Einsatz musste die Provinzrätin der Unruheprovinz Kandahar, Sitara Achikzai, nun mit dem Leben bezahlen. Die Taliban haben sie ermordet - ebenso wie ein junges Liebespaar, das gegen den Willen seiner Eltern heiraten wollte.

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Foto: dpa

  Es sind unmenschliche Traditionen wie diese, gegen die Politikerinnen in Afghanistan kämpfen. Und Achikzai ist nicht die erste, die Ziel eines Anschlags wurde. „Unzählige mutige Frauen haben in den vergangenen Jahren ihr Leben verloren“, sagt die afghanische Abgeordnete Schukria Barakzai. Die Sicherheitslage habe sich für Politikerinnen in den vergangenen drei Jahren wieder verschlechtert. Viele von ihnen lebten jeden Tag mit der Gefahr, getötet zu werden. „Ich bin für Gleichberechtigung, gegen diese alten, fanatischen Ideen und auch gegen Warlords“, sagte Barakzai dem Tagesspiegel. „Da macht man sich natürlich Feinde.“ Von Morddrohungen ließen sie und ihre Kolleginnen sich jedoch nicht aufhalten. „Ich akzeptiere die Gefahren, um meinen Weg zu gehen und meine Ziele zu erreichen. Ich bin bereit, mich zu opfern.“

Dabei ist der Einfluss afghanischer Politikerinnen immer noch sehr gering. „Es hat kaum Fortschritte gegeben“, sagte Bente Scheller, Landesdirektorin der Heinrich-Böll-Stiftung in Afghanistan, dem Tagesspiegel. Auch die bisherigen Frauenministerinnen hätten recht wenig Gestaltungsmöglichkeiten gehabt. Und der Posten der Frauenministerin ist nach wie vor der einzige im Kabinett, der mit einer Frau besetzt ist. Im Parlament würde es den Frauen, die knapp 40 Prozent der Abgeordneten ausmachen, schwer fallen, Gehör zu finden. „Wir sind nicht vereint und lassen uns dadurch eine einzigartige Chance entgehen“, sagt Barakzai. Für viele habe das Thema Frauenrechte leider keine Priorität.

Doch einiges hätten die feministischen Abgeordneten schon erreicht. „Wenn wir Gespräche mit denjenigen führen können, die nicht an Frauenrechte glauben, ist das ein großer Fortschritt“, sagt Barakzai. Dies habe Früchte getragen. „Einen leichten sozialen Wandel hat es gegeben.“

Weibliche Abgeordnete gehörten zudem zu den schärfsten Kritikern von Warlords und den Taliban. Der Fokus müsse jedoch nicht auf der Kritik liegen, sondern auf einer konstruktiven Zusammenarbeit, sagt Barakzai. Doch die falle manchmal schwer. „Wenn ich im Parlament modernere Gesetze fordere, wird gesagt, ich sei gegen die Religion. Doch ich bin ein sehr religiöser Mensch, der Islam spielt eine große Rolle in meinem Leben.“ Ihre Religion lehre, anderen Menschen zu helfen und keine Gewalt oder Zwang einzusetzen. „Wenn manche hier in der Gesellschaft das anders sehen, ist das ihr Fehler.“ Weder Zwangsehen noch ein Bildungsverbot für Frauen seien im Islam vorgesehen.

„Politikerinnen haben es sehr schwer, hier Anerkennung für ihre Arbeit zu finden“, sagt Scheller von der Heinrich-Böll-Stiftung. Von Konservativen werde ihnen eine gewisse moralische Schwäche unterstellt. Andererseits habe eine Befragung gezeigt, dass sie von der Gesellschaft als weniger korrupt eingestuft würden. Die afghanische Botschafterin in Deutschland, Maliha Zulfacar, sagte in einem Interview mit dem Tagesspiegel, sie sei „stolz“ auf die Politikerinnen in Afghanistan. Es sei auch ein Verdienst der Frauen im Parlament, dass das neue Familiengesetz für Schiiten, das Frauenrechte einschränkt, nun überprüft werde.

Zu dem internationalen Protest, der durch das Gesetz losgetreten wurde, sagt Barakzai, es sei nicht sinnvoll, wenn der Protest sich nur gegen Gesetze richte, nicht aber gegen die tatsächlichen Zustände im Land. „Wichtiger als ein Stück Papier sind die Bräuche und Traditionen, die vorherrschen, und da wird leider nicht so genau hingeschaut.“ Theoretisch sei die Unterstützung für Frauenrechte groß. „Doch wenn es konkret wird, fehlt meistens das Geld.“ Ihrer Ansicht nach sollten Hilfsgelder für Frauenförderung nicht von der Regierung, sondern von afghanischen Nichtregierungsorganisationen verwaltet werden. Zudem solle mehr in Bildung investiert werden, und es müsse noch mehr Frauen in der Politik geben.

Ebenso deutlich prangert Barakzai Fehler der internationalen Truppen an. „Zivile Opfer sind einfach nicht mehr zu akzeptieren.“ Sie fordert eine Überprüfung der militärischen Aktivitäten, auch der vielen Hausdurchsuchungen.

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