Politik : Denkwerkstatt 2020: "Es ist wichtig, dass da kritische Geister mitarbeiten"

Andreas Frost

Eigentlich hätte der einstige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm schon Ende April an der parteiübergreifenden "Denkwerkstatt 2020" des Schweriner Arbeitsministers Helmut Holter (PDS) teilnehmen sollen. Wegen einer Reise nach Laos ließ er sich aber entschuldigen. Das nächste Treffen des Gremiums soll Anfang Dezember auf Usedom stattfinden. Und Blüm will dann dabei sein. In Schwerin reißt das kaum jemanden vom Hocker. Selbst CDU-Fraktionschef Eckhardt Rehberg sagt, Blüms Vorhaben müsse man akzeptieren, und es sei "ja auch wichtig, dass da kritische Geister mitarbeiten".

Er sei auch Planungsminister, wird Holter nicht müde zu betonen. Die zur Denkwerkstatt geladenen Köpfe sollten nicht den PDS-Landeschef beraten. Wo Mecklenburg-Vorpommerns Zukunft liegt, will Holter unter anderem vom Publizisten Wolfgang Leonhard, dem PDS-Punk Angela Marquardt, dem Bremer Sozialwissenschaftler Rudolf Hickel, dem Bielefelder Soziologen Claus Offe oder der Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe wissen. Und eben von Norbert Blüm. Wenn Holter dabei auch von sich verlangt, sich "vom Denken in Legislaturperioden zu befreien", darf man ihm getrost parteipolitische Hintergedanken unterstellen. Denn der Coup mit Blüm war nicht Holters einziger. Mit Ruhe und Beharrlichkeit bastelt er an seinem Image und dem seiner Partei. Der Mann, der beim Ablesen seiner Reden kaum die Lippen auseinander bekommt, könnte vor den Fernsehkameras zwar dem scheidenden PDS-Alleinunterhalter Gregor Gysi nie das Wasser reichen. Aber auf seine Art setzt Holter sich und die PDS immer wieder in Szene - außerhalb der politischen Schmuddelecke. Dabei nutzt er durchaus seine Stellung als Minister und stellvertretender Ministerpräsident, um die allgemeine Akzeptanz der PDS zu erhöhen. In der vergangenen Woche etwa lud er Existenzgründer und solche, die es werden wollen, sowie Banker und andere Menschen mit Geld unter dem Motto "Idee sucht Kapital" ein, um bei Bier und Wurst Kontakte knüpfen zu können. Damit stahl er durchaus Wirtschaftsminister Rolf Eggert (SPD) die Schau. Auch den so genannten Alt-Eigentümern hat Holter die Hand ausgestreckt. In der DDR waren jene, die zwischen 1946 und 1949 von von Gütern und Schlössern vertrieben wurde, pauschal als Kriegstreiber und Nazifreunde abqualifiziert worden. Holter erkennt an, dass damit vielen Unrecht geschah. Ihre Rückkehr in die alte Heimat, oft mit teuren Sanierungen der Häuser verbunden, ist darum für Holter keineswegs der Sieg der Konterrevolution.

Wenn es einmal nicht so läuft mit der parteiübergreifenden Preisung des eigenen Namens, dann hilft Holters Pressesprecher ein bisschen nach. Kürzlich veröffentlichte er ein Schreiben des Bürgermeisters des Städtchen Loitz, Johannes Winter, an Holter und dessen Arbeitsministerium. Darin bedankt sich Winter für die Hilfe bei einem intensiven Streit der Stadt mit dem Bund über Wohnungsfragen. Winter ist Christdemokrat.

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