Politik : Denn sie wissen, was sie tun

THOMAS GACK

BRÜSSEL .Sie haben es zugegeben und haben ihr Eingeständnis danach zum Teil zurückgenommen.Sie haben die Angriffe auf Konvois im Kosovo genau rekonstruiert und mußten doch eingestehen, daß viele Fragen offen bleiben.Sie sagen, sie wollten offen, präzise und fair sein - und mußten doch feststellen, daß sie vor allem Verwirrung schufen.Nun reagieren die NATO-Sprecher im Brüsseler Hauptquartier frustriert und bitter, wenn man sie fragt, was denn eigentlich wirklich passiert ist an jenem Mittwoch, den 14.April, in der Nähe des Städtchens Dakovica, als eine unbekannte Zahl von Zivilisten zu Tode kam.

NATO-Spezialisten befragten Luftwaffenoffiziere und Piloten, die an den Angriffen beteiligt waren, untersuchten tagelang minutiös Tonbandaufzeichnungen, Zielvideos aus den Cockpits, lasen und hörten Zeugenaussagen.Die Lücken konnten sie nicht schließen, die Untersuchung mußte mit Teilergebnissen beendet werden.

Die NATO weiß zwar, was sie selbst an diesem Tag in den Tälern nahe der Grenze zu Albanien getan hat.Der Ablauf der Angriffe konnte nahezu lückenlos rekonstriert werden.Die Allianz weiß aber nicht, was tatsächlich am Boden passiert ist.Es verdichtet sich der Verdacht, daß sie den Serben in die Falle gegangen ist.Daß auch Vertriebene in die Angriffe der Jets geraten sein können, leugnet auch US-General Daniel Leaf nicht, der die Untersuchungen leitete.

Demnach sind am 14.April wie stets bei diesen Einsätzen zunächst die Aufklärer gestartet - drei Gruppen zu je zwei F-16, die sogenannten Forward Air Controller.Dann folgten drei Gruppen Kampfjets, zwei F-16, zwei Jaguar und zwei A-10, die speziell zur Bekämpfung von Panzern geeignet sind.Überwacht wurden sie von einer C-130-Maschine hoch oben, eine Art fliegende Luftwaffenleitzentrale.Die Aufklärer, die Kontroller in Aviano und die fliegende Leitzentrale führten die Jets in das Tal von Dakovica, in dem die Dörfer ringsum brannten.

Was nach NATO-Rekonstruktion passierte, stimmt jedoch nicht mit den Bildern der getöteten Flüchtlinge überein, die das serbische Fernsehen rund um die Welt sandte.Die serbischen Videos, die von den westlichen Medien übernommen wurden, waren - so die Untersuchung - aus verschiedenen Aufnahmen an verschiedenen Orten zusammengeschnitten.

Tatsächlich handelte es sich um Angriffe an zwei Orten zu unterschiedlichen Zeiten, einmal im Norden Dakovicas zwischen 11 Uhr 30 und 11 Uhr 48, zum andern im Südosten kurz nach zwölf Uhr.Bei beiden Angriffen sind sich die Piloten sicher, daß sie Militärfahrzeuge angegriffen haben.Beim zweiten Angriff habe es vermutlich, so General Leaf, zivile Opfer gegeben, weil in dem militärischen Konvoi von mehr als 100 Fahrzeugen, der rasch Richtung Prizren fuhr, auch Flüchtlinge mitfuhren.

Offenbar habe eine der Laserbomben, mit denen die Militärfahrzeuge an der Spitze angegriffen werden sollten, ihr Ziel verfehlt.Ob sie die im TV gezeigten Flüchtlinge getötet hat, kann man nur vermuten.Inzwischen jedenfalls hat die NATO Informationen, die den Verdacht nahelegen, daß Milosevics Propagandamaschinerie die Angriffe für eine geschickt inszenierte Medienoffensive genutzt hat.Vertriebene, die im Konvoi mitfuhren, haben von langsam- und tieffliegenden Flugzeugen berichtet, die sie beschossen.Alle NATO-Jets flogen aber in 5000 Meter Höhe.Und: Am Tag nach den Angriffen, als ausländische Journalisten zu einem Ort des Geschehens gebracht wurden, war dort weit und breit kein Militärfahrzeug zu sehen.Die NATO vermutet, daß die Trümmer in einer Nacht- und Nebelaktion weggeräumt wurden.Zudem haben Journalisten nicht 70 Tote gezählt, sondern 33.Viele Opfer hätten Schußverletzungen und Splitterwunden gehabt - die NATO aber warf Bomben.Der zerstörte Traktor jedenfalls, so sagt ein NATO-Luftwaffenoffizier, habe mit den auf TV-Videos gezeigten Leichen "mit Sicherheit nichts zu tun".

Auch die NATO tut sich schwer, Fallen auszumachen.Sie weiß: Munition, Soldaten und Gerät werden oft nicht mehr in Militär-Lkw, sondern mit Zivilfahrzeugen, auf von Traktoren gezogenen Anhängern transportiert.Die NATO-Piloten könnten solch einen Traktor bei Dakovica getroffen haben.

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