Politik : Der Abschied des Kanzlers im Konjunktiv (Leitartikel)

Stephan-Andreas Casdorff

Im Abschied hat er zu sich selbst zurückgefunden, endlich. Da war Wolfgang Schäuble klar und logisch, da hat er wieder gewusst, was wichtig ist - das Überleben der CDU. Die Demokratie braucht eine zweite Volkspartei, eine, die von rechts in die Mitte hinein integriert. Und richtig, diesem übergeordneten Ziel ist alles unterzuordnen. "Wenn man die Menschen überzeugen will, muss plausibel sein, wie die Ziele erreicht werden können", hat Wolfgang Schäuble im letzten Jahr gesagt. Weil sein Satz als Maßstab auch für ihn gilt, war sein politisches Ende an der Spitze der Union folgerichtig.

Kühle Sachlichkeit und Prägnanz in der Analyse haben ihn ausgezeichnet. Sein Ethos der Verantwortung hat ihm Respekt verschafft. Was hätte sein können, zeigte das vergangene Jahr: Die CDU eilte von Sieg zu Sieg, beispiellos. Diese Zeit - eine kurze Zeit - wird sich innerparteilich mit seinem Namen verbinden. Vielleicht. Denn es ist schon bisher schnell vergessen worden: Der Kanzler der Einheit hatte einen "Architekten der Einheit", die Hauptstadt in Wolfgang Schäuble den stärksten Befürworter. Ohne ihn gäbe es das neue Berlin nicht.

Was gewiss von ihm im Gedächtnis bleibt, ist die Tragik eines Kanzlers im Konjunktiv: Wolfgang Schäuble hätte es sein können. Wenn er wirklich gewollt hätte. Wenn Helmut Kohl ihn gelassen hätte. Schäuble hat sich schlicht nicht freimachen können von ihm, bis zuletzt nicht. So wird über die Partei hinaus sein Name mit dem von Kohl verbunden sein - hinter ihm, als Nachwort. Schäubles Abschied ist der zweite, der endgültige Abschied von der Ära Kohl. Und es ist der letzte Triumph von Kohl. Die Tragödie begann, als er Schäuble zum "Kronprinzen" ernannte. Nun endet Schäuble tragisch, ohne ein Held zu sein. Im Spendensumpf der CDU hatte er die Übersicht verloren. Da hat er sich, als eine Strategie für die Zukunft nun wirklich wichtig war, in Rechthaberei über eine Spende aus dem Jahr 1994 verzettelt. Das muss man sagen, bei allem Respekt: Solche Momente der Enge hat er auch.

Und nun: Wie weiter, CDU? Die Partei wird dort weitermachen müssen, wo sie 1989 aufgehört hat. Die innerparteiliche Rebellion gegen Kohl war auch eine inhaltliche. Es war der Wunsch, zurückzukehren zu den Fragen, die sich mit einer Politik auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes verbinden. Ökologie und Ökonomie zu versöhnen, ökologische und soziale Marktwirtschaft, wie es als Worthülse im Grundsatzprogramm steht, Müller-Armack und Nell-Breuning, dazu die Thesen eines Herbert Gruhl, das alles im Blick auf die Moderne - darum ging die Diskussion. Dann kam die Einheit und mit ihr das inhaltliche Niemandsland. Tempo statt Theorie. Jeder, der für die Zukunft entscheidende Fragen stellte, zum Beispiel, ob die Rente wirklich sicher sei, wurde niedergehalten. Fast jeder. Einer nicht: Schäuble. Doch der war kein Rebell.

Hier muss die CDU anknüpfen. Die so genannten großen Fragen sind nicht beantwortet. Die Partei hat, anders als die andere Volkspartei, kein Praxisdefizit. Ihr Problem liegt darin: Schäubles Programme sind die Arbeitsprogramme aus der Zeit der Regierung, und beides ist überholt. Für die praktische Umsetzung der Programme in seinen Büchern hatte Schäuble nicht mehr die Zeit. Jetzt, in der Opposition, dazu in dieser Situation, geht es noch dringender um Regeneration - ihrer Werte als Grundlage und daraus abgeleitet der Überzeugungen. Die CDU, verroht und verrottet, muss sich selber neu erfinden. Das geht, wenn überhaupt, nur mit neuen Köpfen.

Eines bleibt sehr, sehr ärgerlich: Helmut Kohl hatte gestern einen guten Tag.

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