Politik : Der ängstliche Blick nach drüben

Stefan Koch

Sascha sitzt im Schatten eines Apfelbaums und trinkt gemeinsam mit einem älteren Mann Tee. Der 21-Jährige hat sich Geschichten aus dem Leben von Hakkim al Termezi erzählen lassen, dem Schutzpatron der usbekischen Stadt Termez nahe der afghanischen Grenze. Den alten Mann nennt Sascha respektvoll "Aksakal", ein Ehrenname, der auf usbekisch "Weißbart" bedeutet. Die beiden sitzen im Garten des über 1000 Jahre alten Mausoleums Hakkims. Bis zu dem vom Bürgerkrieg zerrissenen Nachbarland Afghanistan sind es nur etwa 500 Meter. Die Gegend hier strotzt vor Soldaten und Waffen. Zum Thema Online Spezial: Terror und die Folgen
Themenschwerpunkte: Gegenschlag - Afghanistan - Bin Laden - Islam - Fahndung - Bio-Terrorismus
Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags Hinter dem Grab verläuft der Patrouillenweg des usbekischen Militärs. Im Abstand von etwa 100 Metern sind in den vergangenen Wochen mit Sandsäcken befestigte Kontrollposten aufgebaut worden.

Während der größte Teil der usbekisch-afghanischen Grenze weiträumig abgesperrt ist, wird den Besuchern der Grabstätte von Hakkim al Termezi eine Ausnahme zugestanden. Zu bedeutsam ist diese historische Figur für die Geschichte der Stadt und des Landes. Auch viele Soldaten kommen dorthin. Und so mancher Offizier hat Sascha bereits aufgefordert, sich freiwillig zum Dienst in der Armee zu melden. Doch der zieht das gepflegte Gespräch mit Aksakal dem Soldatenleben vor. Der Student der Universität Termez ist sicher, dass es nur noch wenige Tage oder Wochen dauern wird, bis "die Amerikaner die Sache geregelt haben". Ihn interessiere aber vor allem, welche Rolle dabei seiner Heimatstadt zukommen wird. Schon 1979 nutzten die Sowjets diese Region als Aufmarschgebiet, bevor die Invasion Afghanistans begann. Sie gaben der einzigen direkten Verbindungsstrecke, die von Usbekistan nach Afghanistan führt, einen Namen: Brücke der Freundschaft. Das Ungetüm aus Stahl und Beton steht auch heute noch bei Termez und gilt als ein Brennpunkt der kommenden Auseinandersetzungen. Nicht ohne Grund wurden mehrere tausend Soldaten an der nördlichen Seite der Brücke stationiert.

Vor Blicken geschützt

Anders als die einheimischen Soldaten sind die amerikanischen Truppen kaum zu sehen. Sie haben auf dem Militärflughafen Kokaydi und bei Karschi Position bezogen. Vor neugierigen Blicken geschützt, richten sich dort mehr als 2000 Elitesoldaten ein. Nur einige kleinere Spezialeinheiten sind ganz im Süden des Landes unterwegs, um Peilsender entlang des Flusses Amudarja zu installieren, die der US-Luftwaffe die Orientierung erleichtern sollen. So mancher Angehörige der US-Armee wird vielleicht bedauern, dass er von der Region und den kulturellen Besonderheiten Usbekistans nichts mitbekommt. Auch werden sie wohl kaum etwas davon hören, dass Termez in diesem Monat ein großes Fest feiern wollte: die Gründung vor 2500 Jahren. Die Stadt hatte sich extra herausgeputzt. Mit dem Truppenaufmarsch ist die Festfreude verflogen. Viele Menschen flüchten aus der 100 000 Einwohner zählenden Stadt zu Verwandten oder Bekannten in das sichere Hinterland. Tag für Tag rechnen sie mit Übergriffen der radikalislamistischen Taliban, die versteckt am anderen Flussufer liegen und sich für die anhaltenden Luftangriffe der Amerikaner rächen wollen.

Sascha blickt lieber zurück. Er ist beeindruckt von den historischen Parallelen: Schon Alexander der Große überschritt den Amudarja, der damals Oxus hieß, bei Termez, um eine neue Ordnung zu schaffen. Später versuchten es an derselben Stelle die Sowjets - und jetzt sind die Amerikaner an der Reihe. "In diesen Tagen", meint Sascha, "wird in unserer Stadtgeschichte ein neues Kapitel geschrieben."

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