Politik : Der andere Krieg

Im Schatten des Irak-Konflikts greifen die Taliban in Afghanistan wieder an. Sie wollen zurück an die Macht

Elke Windisch[Moskau]

Während die Welt gebannt auf den Irak blickt, hat sich für die internationalen Truppen in Afghanistan die Sicherheitslage verschärft. Das zeigt nicht nur der Raketeneinschlag im Hauptquartier der Isaf-Truppe, bei dem am Sonntagabend niemand verletzt wurde. Am Samstag waren zwei US-Soldaten einer Spezialeinheit bei Geresk, 70 Kilometer von Kandahar, getötet worden. Mehrere Soldaten wurden verwundet. Zuvor hatten die Taliban Raketen auf US-Stellungen abgefeuert. Militärsprecher Roger King kündigte am Samstag eine große Offensive der Anti-Terror-Koalition an, um mit den Terroristen definitiv aufzuräumen.

Die afghanische Interimsregierung unter Hamid Karsai meldet unterdessen Erfolge: Sie habe 80 mutmaßliche Taliban-Kämpfer festgenommen. Die Verdächtigen seien in den vergangenen drei Tagen in der südöstlichen Provinz Ghasni gefasst worden, sagte Provinzgouverneur Asadullah Chaled am Montag. Unter den Festgenommenen befänden sich auch mehrere hochrangige Vertreter der Taliban. Sie seien aus Pakistan gekommen und hätten „feindliche Aktionen“ geplant, sagte Chaled.

Zuvor war es in der letzten Woche zu mehreren kleineren Zusammenstößen zwischen Taliban und Regierungstruppen gekommen. Vor allem in der Provinz Helmand im Süden des Landes. Dabei sollen acht Fundamentalisten getötet und 13 gefangen genommen worden sein, darunter der Provinzregierung zufolge auch ein Mitglied der Talibanführung.

Beobachter gehen davon aus, dass die Anschläge eine Reaktion auf den Beginn des Irak-Krieges sind und womöglich nur der Auftakt für größere Kampfhandlungen. Die Taliban nutzten den von der Bevölkerungsmehrheit abgelehnten Krieg zu Propagandazwecken. Der flüchtige Talibanführer Mullah Omar rief zum heiligen Krieg gegen US-Soldaten und gegen die mit ihnen kooperierenden Afghanen auf. Auf Plakaten, die kürzlich im Gebiet an der afghanisch-pakistanischen Grenze aufgehängt wurden, hieß es: „Wann immer Nichtmuslime ein muslimisches Land angreifen, ist es jedermanns Pflicht, sich gegen den Aggressor zu erheben.“ Weiter hieß es: „Wir wurden beschuldigt, weil wir dem angeblichen Terroristen Osama bin Laden Unterschlupf gewährten. Aber was ist die Schuld Iraks? Irak hat keinen Osama bin Laden im Land.“

Mullah Dadullah, Führungsmitglied der Taliban, gab gar der BBC ein Interview, in dem er die Rückkehr an die Macht prophezeite: Die Afghanen hätten sich davon überzeugt, dass die USA am Wiederaufbau des Landes nicht interessiert seien, sondern weltweit einen Krieg gegen den Islam führen würden, verkündete Dadullah. Die Allianz aus Taliban und den Milizen von Expremier Gulbuddin Hekmatyar werde die Okkupanten bald vertreiben.

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