Politik : Der Anfang vom Ende des Krieges

Die Landung in der Normandie gilt als Wendepunkt – auch wenn die Alliierten sich mehr erhofft hatten

Susanne Brandt

„Jede Stunde ist kostbar. Wenn der Feind erst Zeit hat, sich festzusetzen, ist das Hinauswerfen meist schwierig.“ Mit diesen Worten beschrieb Generalfeldmarschall von Rundstedt, Oberbefehlshaber West, in einer Lagebeurteilung im Oktober 1943 die deutschen Chancen, den Angriff alliierter Truppen in Frankreich abzuwehren. In seiner Bestandsaufnahme beschönigte er nichts: den zum Teil „noch förderungsbedürftigen“ Ausbildungsstand der deutschen Truppen, die eigenen knappen Ressourcen, die materielle Übermacht der Alliierten und die Risiken eines Bewegungskrieges im Falle einer Landung der Alliierten. Ohne große Reserven, so seine Auffassung, sei eine Verteidigung der besetzten Gebiete nicht möglich. Diese Reserven sollte es jedoch nie geben.

Von Rundstedt, der älteste deutsche Generalfeldmarschall, der im Juni 1944 gemeinsam mit dem Medienstar Erwin Rommel, dem jüngsten Generalfeldmarschall, den Oberbefehl West innehatte, war davon überzeugt, dass die Alliierten nicht nur aufgrund ihrer materiellen Überlegenheit in einer weitaus besseren Position waren. Er wusste auch, dass die Deutschen lediglich abwarten und reagieren konnten. Schon lange erwartete und fürchtete die militärische Führung die Eröffnung der zweiten Front im Westen, die von Frankreich, England und den USA in zunächst informellen Gesprächen schon seit August 1940 diskutiert und ab Mai 1943 konkret geplant worden war. Stalin forderte seit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 immer wieder den Angriff auf Deutschland im Westen zur Entlastung der Ostfront. Bis zuletzt war an der Ostfront der größte Teil der Wehrmacht gebunden, in Frankreich stand nur ein Fünftel aller Divisionen.

Unsicherheit hingegen herrschte in der deutschen militärischen Führung darüber, wo die Alliierten den lange erwarteten Angriff beginnen würden: an der schmalsten Stelle der Kanalfront, von wo aus die Wege nach Deutschland die kürzesten gewesen wären, oder vielleicht doch an der Normandieküste oder in der Bretagne. Und noch bis in den August 1944 hinein war sich die deutsche militärische Führung nicht sicher, ob die Landung nicht doch nur ein Ablenkungsmanöver für den eigentlichen Schwerpunktangriff am Pas de Calais sei.

Kurz nach Mitternacht am 6. Juni 1944 begann der D-Day. Er gilt bis heute als „der längste Tag“, der die Entscheidung über Sieg oder Niederlage brachte. Britische Soldaten landeten mit Lastenseglern in Ranville, wo sie eine wichtige Brücke über die Orne (die Pegasus-Brücke) einnehmen und halten sollten. Fallschirmjäger der 6. britischen sowie der 82. und 101. amerikanischen Airborne Division landeten im Raum um Ste. Mère Eglise, Carentan und Caen. Die Aufgabe der Fallschirmjäger war es, vor der Landung der Truppen strategisch wichtige Positionen zu erobern.

Einer der amerikanischen Fallschirmjäger, John Steele, blieb, vom Wind verweht, mit seinem Fallschirm an der Kirchturmspitze in Ste. Mére Eglise hängen – und überlebte. Bis heute ist eine Puppe, die an dem Kirchendach hängt, das Wahrzeichen des kleinen Städtchens, das für sich – wie einige andere auch – den Ehrentitel der ersten befreiten Stadt in Anspruch nimmt.

Um drei Uhr nachts begann die Bombardierung der Küstenbefestigungen, des so genannten Atlantikwalls, und deutsche Beobachter melden die ersten Landungsboote. Bis heute schildern Zeitzeugen den Anblick der riesigen Armada am Horizont als einen schockierenden Augenblick, der ihnen die materielle Überlegenheit der Alliierten unmissverständlich vor Augen führte. 90 Minuten später feuerte die Schiffsartillerie auf die zum Teil stark befestigten deutschen Bunker, und um 6.30 Uhr begann die Anlandung der ersten Divisionen.

Das Landungsgebiet zwischen Quinéville und Caen war in fünf Abschnitte unterteilt, die mit den Codenamen Utah, Omaha, Gold, Juno und Sword bezeichnet wurden. Nicht nur amerikanische Verbände landeten und begannen mit der Befreiung, auch britische, kanadische und mit ihnen freifranzösische und polnische Truppen. Angehörige der Résistance begannen planmäßig, Eisenbahnschienen zu zerstören, Strommasten zu kappen und die Kommunikationswege der Deutschen zu unterbrechen. Ein deutscher General erinnerte sich später, dass er gekämpft habe, wie einst Wilhelm der Eroberer: nur auf Sicht- und Hörweite. Die Résistance hatte den Alliierten auch im Vorfeld durch gezielte Spionagetätigkeit wichtige Informationen über die deutschen Stellungen geliefert. Selbst wenn bis heute die Rolle der Résistance verklärt wird, nicht zuletzt, um die Kollaboration der Vichy-Regierung mit den Nationalsozialisten zu verdrängen, kam den Widerstandskämpfern eine wichtige Rolle für die Befreiung ihres Landes zu. Ganz sicher waren es nicht nur die Amerikaner, die Europa befreit haben.

Die Landung blieb nicht nur an diesem ersten Tag hinter den alliierten Plänen zurück, zu stark waren zunächst noch die deutschen Widerstände. Erst nachdem Mitte August im Kessel von Falaise ein großer Teil der im Westen stehenden deutschen Truppen vernichtet worden war, marschierten die Alliierten ungehindert auf Paris. Gegen Mitternacht am 6. Juni hatten die Alliierten zum Teil unter großen Opfern die ersten Brückenköpfe errichtet, die ersten Bunker erobert und begonnen, Nachschubmaterial anzulanden. Aber auch die deutschen Absichten erfüllten sich an diesem Tag nicht: Von Rundstedt hielt es am Abend des 6. Juni nicht mehr für möglich, die Landungsköpfe wieder „zu bereinigen“. Der längste Tag endete insofern mit deutlichen Zeichen für den Sieg der Alliierten, doch der Weg nach Berlin dauerte weitere elf Monate und war, im Westen wie im Osten, mit hohen Opfern verbunden.

Der 6. Juni 1944 ist für den Verlauf des Zweiten Weltkrieges insofern eine Zäsur, als mit der Entlastung der Ostfront die letzte Phase des Krieges begann, doch Wendepunkte – wie das Scheitern des deutschen Vormarsches im Winter 1942/43 vor Stalingrad – hatte es schon früher gegeben. Die Landung in der Normandie darf auch nicht losgelöst von den früheren Invasionen in Afrika und Sizilien gesehen werden, deren Funktion es war, die deutsche Militärmacht zu schwächen und den letzten Angriff in Europa so gut wie möglich vorzubereiten.

Mindestens ebenso bedeutend wie das Ereignis selbst war in den folgenden 60 Jahren die Erinnerung an den D-Day. Die anhaltenden Diskussionen darüber, wer zu den offiziellen Gedenkfeiern eingeladen werden muss und wer nicht kommen darf, spiegeln eindrucksvoll wider, wie vermint das Feld der offiziellen Erinnerungspolitik ist und in welchem Maße Erinnerung und aktuelle Politik in Bezug zueinander stehen. Das öffentliche Gedenken ist ein wichtiges Medium der Identitätsstiftung oder zumindest der Selbstvergewisserung gesellschaftlicher Gruppen.

In dem 1961/62 gedrehten Film „Der längste Tag“ – der mit hohem Aufwand Detailgenauigkeit anstrebte – gab es eine Sequenz, in der ein amerikanischer Soldat Wehrmachtsangehörige, die sich mit erhobenen Händen und „Bitte, Bitte“ rufend ergeben, erschießt. Als der Film in die Kinos kam, war der Kalte Krieg in vollem Gang und die ehemaligen Gegner Bündnispartner in der Nato. Diese Sequenz wurde für das deutsche Publikum herausgeschnitten, zu sehr schien diese Szene die neuen Freunde zu brüskieren. Eine später in Deutschland ausgestrahlte Fassung übersetzt den Satz des amerikanischen Schützen „I wonder what ‚Bitte, Bitte’ means?“ mit: „Tut mir Leid, ich habe nicht so schnell geschaltet!“

Susanne Brandt ist Historikerin und beschäftigt sich vor allem mit dem Thema Krieg und Erinnerungskultur. Sie arbeitet als wissenschaftliche Angestellte an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

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