Politik : „Der Anteil an sehr interessanten Akten ist besonders hoch“

Marianne Birthler, Beauftragte für die Stasi-Unterlagen, über säckeweise zerrissenes Papier und warum es sich lohnt, die Schnipsel wieder zusammenzufügen

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Frau Birthler, welche Brisanz steckt in den zerrissenen Stasi-Unterlagen?

Das erklärt sich aus der Systematik, nach der die Stasi dabei vorging: Vernichtet wurde das, was in den Handakten war, was die Stasi für besonders wichtig hielt und was immer aufs Neue zur Wiedervorlage kam. Die Schwerpunkte bei der Vernichtung waren ganz eindeutig folgende: die Quellen, also die Inoffiziellen Mitarbeiter (IM), vor der Enttarnung zu schützen, Zeugnisse von Repression und Verfolgung zu tilgen, Einblicke in die Arbeitsmethoden und konkreten Aktionen der Staatssicherheit zu verhindern und die Zusammenarbeit mit der SED zu verschleiern.

Das bestätigen auch die Funde in den bisher aufgearbeiteten 320 Säcken?

Ja. Der Anteil an sehr interessanten Akten und an Unterlagen aus dem spannungsreichen Jahr 1989 ist in diesen Beständen besonders hoch, auf jeden Fall höher als im sonstigen Archivbestand.

Können Sie einige Beispiele nennen?

Ich beschränke mich auf einige bekanntere Fälle: Die Akten des operativen Vorgangs um den vor einigen Jahren verstorbenen DDR-Oppositionellen Jürgen Fuchs galten zunächst als vernichtet. Von 2002 an wurden in den Säcken fortlaufend Teile dieses Vorgangs „Opponent“ gefunden und rekonstruiert. Wesentliche Teile aus dem Aktenbestand über den Regimekritiker Robert Havemann wurden wiederhergestellt. Oder zum Fall Heinrich Fink: Als Anfang der 90er Jahre die IM-Vorwürfe gegen den früheren Rektor der Humboldt-Universität auftauchten, war nicht viel mehr als eine Karteikarte da. Inzwischen ist die komplette IM-Akte zu Fink manuell rekonstruiert worden. Akten zu den Oppositionellen Werner Fischer, Wolf Biermann, Roland Jahn, Bärbel Bohley, Stefan Heym oder Lutz Rathenow wurden wiederhergestellt. Oder der IM-Fall Sascha Anderson: Bevor wir die Akten rekonstruiert hatten, wussten wir sehr wenig darüber. Auch die Erkenntnisse zur Militärorganisation der DKP sind ausschließlich aus rekonstruierten Akten gewonnen worden.

Geben die Aktenschnipsel auch Aufschluss über die Arbeitsweise und Methoden des Ministeriums für Staatssicherheit?

Ja. Wir haben auch eine Menge Material mit Überblickscharakter gefunden. So etwa IM-Übersichten, Jahresarbeitspläne, OPK-Übersichten, also Verzeichnisse über operative Personenkontrollen, Übersichten über operative Vorgänge. Wir haben auch die gesamte M-Kartei, also die Postkontrolle, der Stasi-Bezirksverwaltung Cottbus rekonstruiert. Auch viele Akten zum Themenbereich Kirche, vor allem zum Herbst 1989, fanden sich in den zerrissenen Unterlagen.

Als verschollen oder vernichtet gelten die Akten der für die Auslandsarbeit des MfS zuständigen Hauptverwaltung Aufklärung (HVA). Findet sich darüber etwas in den Säcken?

Nein, denn die HVA-Unterlagen wurden nicht im Zuge der allgemeinen Vernichtungsaktion beseitigt. Die HVA hatte ja noch – leider auch mit Billigung des Runden Tisches – die Möglichkeit erhalten, sich selbst aufzulösen. Und dabei wurden die meisten ihrer Akten sehr systematisch und wahrscheinlich endgültig vernichtet. In den Säcken haben wir bisher wenige Unterlagen der HVA gefunden.

Heißt das generell, dass man in den zerrissenen Unterlagen über die Westarbeit der Stasi kaum noch etwas finden wird?

Das kann man so nicht sagen. Denn zur Westarbeit der Stasi finden sich Unterlagen auch in anderen Beständen.

Wenn die computergestützte Rekonstruktion tatsächlich auf die Beine kommt, wird es nach diesen zwei Jahren um die Entscheidung gehen, ob mit höherem finanziellen Aufwand die „restlichen“ rund 15.000 Säcke mit Schnipseln aufgearbeitet werden. Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten ein?

Für mich ist das eine offene Frage. Wir werden dann erst einmal gründlich auswerten, was die Rekonstruktion der 400 Säcke gebracht hat. Daraus ergibt sich eine neue politische Diskussion. Einen Automatismus wird es nicht geben.

Das Gespräch führte Matthias Schlegel.

Marianne Birthler ist seit dem Jahr 2000 Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen. 1948 in Berlin geboren, gehörte sie Ende der 80er Jahre verschiedenen DDR- Oppositionsgruppen an.

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