Politik : Der Atem des Drachen

Von Harald Schumann

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Warum verdreifachte sich der Preis für Rohöl binnen vier Jahren? Warum stagnieren in den Wohlstandsländern die Löhne, obwohl Produktivität und Unternehmensgewinne steigen? Warum wächst die Auslandsverschuldung der USA jeden Tag um 1,8 Milliarden Dollar? Diese Fragen sind nur scheinbar willkürlich zusammengestellt. Tatsächlich lassen sich alle mit dem gleichen Satz beantworten: Die Ursachen liegen in China.

Kein anderer Prozess hat in den vergangenen zehn Jahren die Weltpolitik und das Wirtschaftsleben nachhaltiger verändert als die rasante Integration des Reichs der Mitte in die Weltökonomie. Allein Chinas Energiehunger hat ein Drittel des Nachfrageanstiegs der vergangenen fünf Jahre auf den Ölmärkten verursacht. Zugleich wirkt das unerschöpfliche Überangebot an billiger Arbeitskraft als globale Lohnpeitsche. Schon die Drohung mit dem chinesischen Standortvorteil macht Gewerkschaften vielerorts wehrlos. Parallel dazu verwandelt die Zentralbank in Peking den überbordenden Handelsüberschuss mit den USA in einen stetig wachsenden Dollarschatz. Sie hält US-Wertpapiere im Wert von rund 700 Milliarden Dollar und ermöglicht den Amerikanern damit einen Wohlstand auf Pump, der in der Wirtschaftsgeschichte ohne Beispiel ist.

So ist der Atem des chinesischen Drachen weltweit spürbar und er demonstriert das zentrale Merkmal der Globalisierung: Die wirtschaftliche Integration über alle Grenzen hinweg führt die Völker in ein Netz gegenseitiger Abhängigkeit, die umso stärker wirkt, je offener ihre Wirtschaften sind. Auch dabei ist China Weltspitze. Der Wert von Im- und Exporten entspricht drei Vierteln der Wirtschaftsleistung des Landes, in der EU liegt der Anteil gerade mal bei 26 Prozent.

Folglich sind Chinas Regenten vollkommen abhängig vom Wohlwollen ihrer Handelspartner in den Wohlstandsländern. Und das Gleiche gilt umgekehrt. Denn weit mehr als den weiteren Aufstieg der chinesischen Wirtschaftssupermacht muss die Welt deren mögliches Scheitern fürchten. Schon eine Teilauflösung der chinesischen Dollarreserven würde das Weltwährungssystem bis in die Grundfesten erschüttern und eine weltweite Rezession verursachen.

Vor diesem Hintergrund ist die Frage, ob dieses Jahrhundert mehr von chinesischer Wirtschaftskraft oder doch wieder von amerikanischer Militärmacht dominiert wird, eher müßig. Absehbar ist vielmehr, dass es für keine Nation eine Zukunft in Frieden geben wird, wenn es nicht gelingt, beide Supermächte in ein System globaler Verantwortung einzubinden. Gleich ob es um das Management der schwindenden Ölreserven, ein stabiles Währungsregime oder den Schutz des Weltklimas geht, keines dieser Probleme wird sich ohne Chinas Beitrag lösen lassen, wer immer auch in Peking regiert.

Darum ist der Versuch eines Teils der amerikanischen Polit-Elite, China mit einer „Containment“-Politik zu begegnen und seinen Unternehmen den Einstieg in den US-Markt zu verwehren, irrational. Das Umgekehrte tut Not. Die Europäer täten deshalb gut daran, den Besuch des chinesischen Präsidenten dafür zu nutzen, die Aufnahme des Riesenreichs sowohl in den Kreis der G-8-Staaten als auch in die OECD voranzutreiben. Nicht um Pekings Parteiautokraten zu gefallen, sondern um sie zu fordern. Die Regierungen des Westens haben den Weg in die globale Interdependenz selbst gewählt. Aber es handelt sich um eine Einbahnstraße. Jede Umkehr birgt unkalkulierbare Risiken.

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