Politik : Der aufgeschobene Krieg

Die Türkei will zunächst ihre Truppen im Nordirak nicht verstärken – solange die USA Ankaras Interessen wahren

Thomas Seibert[Istanbul]

Mit einer Grundsatzrede im Kampfanzug hat der Chef der türkischen Armee die Bedingungen abgesteckt, unter denen Ankara auf die Verlegung weiterer Truppen nach Nordirak verzichten könnte. Generalstabschef Hilmi Özkök hatte in den vergangenen Tagen seine Einheiten inspiziert, die entlang der türkisch-irakischen Grenze aufmarschiert sind. Dann wandte er sich im südosttürkischen Diyarbakir an die Öffentlichkeit und besonders an den besorgten Hauptverbündeten USA. Derzeit gebe es keine Pläne für eine Verstärkung der bereits im Nordirak stationierten Truppen, sagte Özkök. Die Gefahr eines „Krieges im Krieg“ im Nordirak ist damit erst einmal gebannt. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wenn die USA in Nordirak die türkischen Interessen nicht genügend berücksichtigen, will Ankara den Einheiten doch den Marschbefehl geben.

Mehrmals war die Visite des Ober-Generals in den letzten Wochen angekündigt und unter fadenscheinigen Vorwänden wieder abgesagt worden. Die türkische Armee zögerte, weil sie die Verhandlungen mit den USA über die Zukunft Nordiraks nicht mit einem Grenzbesuch gefährden wollte, der provokativ wirken könnte. Nun sind diese Gespräche offenbar so weit gediehen, dass Özkök in seiner Rede einige Pflöcke einschlagen konnte – „rote Linien zeichnen“, wie die Türken das nennen.

Özkök nannte drei Linien, die die Türken nicht überschritten sehen wollen: Eine Militärintervention Ankaras ist demnach unausweichlich, wenn es eine große Fluchtwelle aus dem Irak an die türkische Grenze geben sollte, wenn die türkischen Einheiten im Nordirak unter Beschuss geraten oder wenn es Auseinandersetzungen zwischen den dortigen Volksgruppen gibt, sprich: wenn die mit den Türken verwandte Volksgruppe der Turkmenen unter Druck gerät. „Sollte dieser Punkt erreicht werden, gehen wir nicht nach Nordirak, um Krieg zu führen oder Gebiet zu besetzen“, sagte der Generalstabschef. Alle Aktionen würden mit den USA koordiniert. Selbst der von der Türkei ins Auge gefasste nordirakische Grenzstreifen von etwa 20 Kilometern Breite solle nicht dauerhaft besetzt werden. „Dies ist nicht unser Krieg“, sagte er über den Angriff der Amerikaner auf den Irak. Damit umriss der 63-Jährige, einer der mächtigsten Männer der Türkei, die Rolle, die Ankara dem Partner USA zugedacht hat. Die Amerikaner haben den Krieg gegen Saddam Hussein begonnen, so lautet die unausgesprochene Argumentation Özköks, deshalb müssen sie jetzt auch sehen, dass im Nordirak nichts aus dem Ruder läuft: Wenn das nicht gelingt, werden die türkischen Truppen und Panzer in Marsch gesetzt.

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