Politik : Der Aufstand gegen die Chefin wird verschoben

Jürgen Zurheide

Norbert Lammert hatte schnell Witterung aufgenommen. Noch bevor sich der eine oder andere der lieben Kolleginnen oder Kollegen äußern konnte, drehte er bei und stellte klar, dass er zu Wochenbeginn nicht korrekt zitiert worden sei. Bundesweit hatte der Chef der Landesgruppe der CDU-Bundestagsabgeordneten aus Nordrhein-Westfalen Schlagzeilen gemacht, weil er verlangt hatte, die Entscheidung zwischen Angela Merkel und Edmund Stoiber vorzuziehen. Spätestens auf dem CDU-Parteitag im Dezember müssten die Delegierten votieren können, hatte Lammert gesagt und davor gewarnt, weiter mit zwei virtuellen Kandidaten vor das Wahlvolk zu treten.

Während Lammert versuchte, seinen Vorstoß noch einmal zu erklären, war Angela Merkel längst auf dem Weg nach Gütersloh, wo sich die NRW-Gruppe ausgerechnet im Hotel Klosterpforte getroffen hatte. Merkel wusste allerdings schon bevor sie dort angekommen war, dass die Dinge gut für sie laufen würden. Die NRW-CDU hatte bereits deutlich signalisiert, dass Lammerts Vorstoß keine Chance habe. Natürlich war ihr nicht entgangen, dass Lammert am Ende zwar dafür plädiert hatte, sie und nicht Edmund Stoiber zum Kandidaten auszurufen. Aber wer die Geheimsprache der Politiker richtig zu deuten wusste, kam zu einem anderen Ergebnis. Merkel weiß, dass die Zeitfrage längst zur Machtfrage geworden ist und jeder andere Zeitpunkt als das Frühjahr für sie einer Niederlage gleichkäme.

Intern war viel darüber gerätselt worden, warum Norbert Lammert diesen Vorstoß unternommen hat. Nicht wenige, zumal in der Umgebung von Angela Merkel, verdächtigten schnell den Vorsitzenden der CDU in Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers. Der beeilte sich zwar, öffentlich Merkel beizuspringen, aber ein Hauch von Zweifel blieb, was auch damit zu tun hatte, dass es zunächst hieß, die Sache sei zwischen Lammert und Rüttgers abgesprochen gewesen. Ganz abwegig wäre dies nicht, denn in der CDU-Führung ist die herzliche Abneigung zwischen Merkel und Rüttgers bekannt.

Doch die Truppe zog in diesem Fall nicht mit. Norbert Lammert hatte seine Rechtfertigung noch nicht ganz beendet, da standen reihenweise die Abgeordneten auf und korrigierten ihn. Karl Josef Laumann, der sozialpolitische Sprecher der Fraktion, brachte es stellvertretend auf den Punkt: "Demokratietheoretisch müsste das ein Parteitag entscheiden, aber wir alle wissen, das geht nicht, die beiden Kandidaten müssen das unter sich ausmachen".

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