Politik : Der Außenminister doziert über Tschetschenien, Milosevic und Eberhard Diepgen

Robert von Rimscha

Drei Themen rangieren ganz oben auf der Skala der Nervenbelastung des Joschka Fischer: Marathon, Botschaftsbau und Panzerverkauf. Marathon, das ist jenes Rennen in New York, an dem der Außenminister eigentlich am Wochenende teilnehmen wollte. Nun hat er seit zwei Wochen eine kleine Verletzung; so steht die Teilnahme dahin. Damit ist es auch fraglich, ob es zum Zusammentreffen mit dem anderen Marathon-Läufer zentraleuropäischer Herkunft kommt: Jörg Haider.

Haider im "I-love-America"-T-Shirt, daneben Joschka gewandet in ein "Nieder-mit dem-Faschismus!"-Leibchen - das wäre für die Kameras ein gefundenes Fressen. Der Minister wird richtig grummelig, wenn man ihn auf das mögliche Fernduell anspricht. "Blödsinn" sei das Gerede. Jeden Spaß verliere er an seiner Manhattan-Premiere, auf die er sich seit langem freue. "Und den Central Park kenne ich aus dem Eff-Eff!"

Fischer in Washington. Es geht um Tschetschenien, um den Balkan, um Nahost und den Stand der transatlantischen Beziehungen. Am Mittwoch traf Fischer Bill Clintons Sicherheitsberater Sandy Berger, am Donnerstag Außenministerin Madeleine Albright, am Freitag folgt Kofi Annan.

In Washington geht es auch um den Bau der US-Botschaft in Berlin. "Alle Seiten" seien recht "eigenwillig", kritisiert der Grüne. "Unter vernünftigen Leuten muss eine Lösung möglich sein." Was nicht heißen solle, dass die Hauptkontrahenten, US-Botschafter John Kornblum und Eberhard Diepgen, unvernünftig seien. "Der Regierende Bürgermeister ist kein Diplomat", antwortet Fischer auf eine Frage. Damit wiederum habe er keinesfalls gesagt, Diepgen verhalte sich undiplomatisch, betont der Minister.

Ein weiteres Nerv-Thema: Der Panzer-Export in die Türkei. "Das diskutiere ich zu Hause, das muss ich zu Hause diskutieren", meint Fischer. Das sei Innenpolitik. Er ist Außenminister.

Fischer wirft den Russen in der Abenddämmerung vor dem Weißen Haus vor, durch den massiven Einsatz in Tschetschenien "das sehr, sehr große Risiko der Destabilisierung der ganzen Region" einzugehen. Wie konkret eine Lösung der "humanitären Katastrophe" ohne Waffengewalt aussehen könnte, bleibt unklar. Später, beim Abendessen, räumt er ein, dass "unsere Möglichkeiten begrenzt sind". Dies seien sie auch bei der derzeit größten humanitären Katastrophe, der Versorgungssituation der Bevölkerung in Nordkorea.

Fischer sieht in einer Lösung des Tschetschenien-Konflikts auch eine wesentliche Voraussetzung für die weitere Zusammenarbeit von Moskau, Brüssel und Washington bei der Befriedung und Demokratisierung des Balkans. Dort sei der Krieg erst zu Ende, wenn die Kriegsursachen beseitigt seien. Zwei mögliche Strategien gebe es, Demokratie in Belgrad zu erreichen. Die Option "belagerte Festung" setze auf immer mehr Druck, um das Milosevic-Regime von innen heraus zum Zerbrechen zu bringen. Die Option "konstitutionelle Entwicklung" setze auf Öffnung, auf eine Stärkung der Opposition und auf Signale, dass eine Aussetzung der Sanktionen möglich sei, sobald eine glaubwürdige und einige Opposition Milosevic ersetze.

Dem US-Senat warf Fischer vor, durch sein Nein zum Atomteststopp zu einem "Gesamtbild" beigetragen zu haben, einem Bild freilich, das er nicht offen "Isolationismus" nennen möchte. Es handele sich wohl um eine "parlamentarische Panne".

Über die Türkei und über Bosnien doziert Fischer in jeweils gut viertelstündigen Monologen. "Ich werde richtig wach", wundert sich das Jet-Lag-Opfer dabei selbst. Er argumentiert in äußerst komplexen Szenarien, die wenig Raum für puren Humanismus und Betroffenheits-Floskeln lassen. Er serviert funktionalistische Analysen, innerhalb derer er argumentiert, welche von fünf möglichen Schritten am besten zu welchem von zwei Zwischenergebnissen und mittelbar mit welchem Grad an Voraussagbarkeit zum erwünschten Endergebnis führen. So gesehen vertritt Fischer meisterhaft die Tradition angelsächsischer Macht- und Einflusspolitik. Als "soundbites" kommen Gags. Wenn er ein wenig mehr Zeit hat, versteht Fischer unvermindert durch Tiefgang und äußerste Präzision zu imponieren.

Noch öfter als früher gibt Fischer dabei den Napoleon und steckt die linke Hand in die Weste. Mehrfach präsentiert er, meist in Kombination mit einem weiten Zurücklehnen, den Doppel-Napoleon: Beide Hände über der Brust in die grauschwarze Weste eingegraben. Er tut es vor allem, wenn er sich über seine süffisanten Entgegnungen auf Fragen freut, "die Nacht des Konjunktivs" rügt, Erörterungen über mögliche Alternativen zu Milosevic mit Bemerkungen über die Chancenlosigkeit von Bayern auf hohe deutsche Staatsämter würzt oder sein eigenes Nein zum Panzer-Export nach Ankara mit Theoremen über den Verfassungsrang des Mehrheitsprinzips erklärt. "Nachgerade verfassungswidrig" wäre es, trüge er den Regierungsbeschluss zum Leopard II nun nicht mit. Meint Fischer und grinst.

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