Politik : Der Bart ist ab

Zur Rasier-Aktion einer Arbeitsloseninitiative in Wiesbaden kommen vor allem Journalisten

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Es sollte ein Happening der besonderen Art werden: Mit öffentlichem Haareschneiden und Rasieren wollte das Erwerbslosen-Forum Deutschland vor der Mainzer Staatskanzlei gegen die „populistischen und simplifizierenden Aussagen“ des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck demonstrieren: „Es ist die Politik der großen Koalition, keine Gelegenheit auszulassen um Erwerbslose immer wieder zu verhöhnen und ihnen die Schuld an ihrer Lage zu geben,“ heißt es in einem Aufruf. Mit etwa vierhundert Demonstranten hatten die Organisatoren gerechnet. Es waren keine fünfzig, die in Mainz gegen Becks Äußerungen demonstrierten.

Beck hatte vor mehreren Wochen auf dem Wiesbadener Weihnachtsmarkt dem Arbeitslosen Henrico Frank empfohlen, sich zu waschen und zu rasieren, dann, so der SPD-Politiker, fände er in drei Wochen einen Job. Nachdem ein Reporter dann mit Frank zum Friseur ging, beschäftigte der Vorfall die Medien wochenlang.

Journalisten waren dann die einzigen, die pünktlich um zehn Uhr zahlreich vor der Mainzer Staatskanzlei erschienen waren. Sonst war wenig los. Die Polizei und etwa zwanzig Demonstranten aus dem Rhein-Main-Gebiet, die meisten längst rasiert, warteten erst einmal auf den Bus mit den Dortmunder Teilnehmern. Die Prominenz fehlte sowieso: Kurt Beck war urlaubsbedingt verhindert und Deutschlands berühmtester Arbeitsloser Henrico Frank kam nicht. Der Sprecher des Erwerbslosen-Forums, Martin Behrsing, distanzierte sich von dem 37-Jährigen, weil er mehrere Stellenangebote und einen Gesprächstermin mit Beck abgelehnt hatte. „Wir geben ihm kein Podium“, sagte Behrsing. „Wenn man ein Gesprächsangebot von Kurt Beck nicht annimmt, dann ist das dumm.“

Dass das geplante Spektakel so klein ausfiel, fanden viele Demonstranten enttäuschend. Eine Dortmunderin tröstete sich damit, dass sich viele Betroffene einfach schämten, für ihre Interessen auf die Straße zu gehen. Auch Klaus Maier, einer der wenigen Mainzer, die sich eingefunden hatten, hatte mehr Teilnehmer erwartet: „Die Arbeitslosen sind schließlich sehr wütend und gereizt“, meinte der 55-Jährige, der seit drei Jahren auf Jobsuche ist. Ihren Ärger brachten viele der Anwesenden auf Transparenten zum Ausdruck: „Von 345 Euro kann kein Mensch vernünftig leben“ war da zu lesen oder „Helfen Sie, Herr Beck!“.Vertreter von Gewerkschaftsgruppen und Arbeitsloseninitiativen forderten, Hartz IV abzuschaffen und Mindestlöhne statt Ein-Euro-Jobs einzuführen. „Wir wollen keine Almosen, wir wollen Arbeit“, betonte ein Sprecher der Organisatoren.

Auf dem mitgebrachten Frisierstuhl herrschte erst wenig Andrang. Schließlich ließen sich aber doch drei Männer die Haare schneiden, zwei weitere wurden rasiert. Nach der Kundgebung empfing Staatskanzleichef Martin Stadelmaier eine Delegation der Erwerbslosen, die ihm 21 Bewerbungsmappen übergab. Die sollen an die zuständigen Arbeitsagenturen weitergeleitet werden. Neben den Bewerbungen hatten die Demonstranten auch noch Geschenke für den abwesenden Ministerpräsidenten: Einen antiken Friseurstuhl, ein Haargel und einen Sack voll abgeschnittener Haare.

Während der Rasier- und Frisieraktion gab Henrico Frank auf der Rheinbrücke eine „Gegenpressekonferenz“. Die Gespräche mit Beck hätten sich für ihn „erledigt“, sagt er. Und sprach sich gegen übertriebenen Protest von Hartz-IV-Demonstranten aus.

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