Politik : Der Bauch wählt links

Warum jetzt auch die Allensbacher Demoskopen Union und SPD Kopf an Kopf sehen – und das Kanzleramt misstrauisch ist

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Von Gerd Appenzeller

Ist es ein Methodenstreit, langsames Einlenken oder gar politische Manipulation? Mit einer guten Woche Verspätung sehen jetzt auch die Allensbacher Demoskopen Union und SPD mit je 37 Prozent auf gleicher Höhe. Die Umfrage, am Sonntag, vor dem zweiten TV-Duell, abgeschlossen, wurde gestern in der FAZ veröffentlicht. Bereits eine Woche zuvor hatten sowohl die Forschungsgruppe Wahlen als auch Infratest dimap CDU und CSU zusammen nur noch ein Prozent vor der SPD gesehen. Zu diesem Zeitpunkt gab Allensbach der Union noch ein Plus von 4,9 Prozentpunkten. Was ist geschehen?

Allensbach-Sprecher Ekkehard Piel vermutet, dass die telefonischen Umfragen der Konkurrenz Stimmungsumschwünge bei politisch besonders Interessierten früher erfassen – Meinungswechsel, die sich bei eher unpolitischen, von Allensbach im Direktgespräch aber mit erfassten Bundesbürgern erst später spiegeln.

Ist die Allensbacher Face-to-Face-Befragung also veraltet? Piel bestreitet es vehement. Genau das behauptet aber Dieter Roth von der Forschungsgruppe Wahlen. „Wir brauchen nach der Wahl eine öffentliche Diskussion über das, was Allensbach macht, sowohl wissenschaftlich als auch interpretatorisch“, fordert er. Und fügt hinzu, Allensbach benutze antiquierte Methoden aus den 70er Jahren. Ähnlich sieht das auch Richard Hilmer von Infratest dimap: „Wer direkt fragt und nicht telefonisch, hat ein Time-lag.“ Für Roth und Hilmer steht fest: „Bei den Allensbach-Befragern war das Hochwasser erst angekommen, als es bei uns schon durchgerauscht war.“

Auch im Kanzleramt hat man die neuen Zahlen vom Bodensee mit Misstrauen registriert. Gegenüber dem Tagesspiegel wollte ein Gesprächspartner nicht ausschließen, dass die jüngsten Umfrageergebnisse den Zweck hätten, die Wählerschaft der Union zu mobilisieren. Tatsächlich tut sich Allensbach mit Erklärungen für die späte Korrektur schwer. Noch im Juni hielt man Union und FDP mit einem 12,1-Punkte-Vorsprung vor Rot-Grün für fast uneinholbar. Jetzt trennen beide Lager noch 3,8 Prozentpunkte. Woran liegt’s? Ekkehard Piel macht, wie seine Chefin Elisabeth Noelle, die Sympathiewerte dafür verantwortlich. Davon würden sich Unentschlossene leiten lassen. Hochwasser, Irak-Debatte, erstes TV-Duell hätten diese Werte für Schröder steigen, für Stoiber fallen lassen. Anders gesagt: Der Bauch wählt links.

Die Werte des zweiten TV-Duells fehlen Allensbach noch – nächsten Mittwoch stehen sie in der FAZ. Die Forschungsgruppe und Infratest veröffentlichen sie morgen.

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