Politik : Der Blick nach innen

Von Gerd Appenzeller

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Praxisgebühr, Hartz IV, Arbeitslosengeld II, Föderalismuskommission, Dosenpfand, Maut – Worte, die im abgelaufenen Jahr 2004 den bundesrepublikanischen Alltag prägten und uns auch 2005 beschäftigen werden. Können, ja dürfen wir noch von deutschen Dingen reden, wenn in Asien weit mehr als 100000 Menschen sterben? Ist es nicht vermessen, vor allem über unsere Situation nachzudenken, wo doch unsere Probleme, selbst die uns ganz groß dünken, so unglaublich klein sind im Vergleich zu dem Leid dort? Wir dürfen.

Es gibt viel mehr Brücken zwischen dem Hier und dem Dort als den Schmerz darüber, dass unter den Opfern auch viele hundert Deutsche sind. Wir begreifen in diesen Stunden, dass dies eine Welt, dass Globalisierung nicht nur ein ökonomischer, sondern auch ein emotional anrührender Zustand ist. Der eher konservative Bundespräsident fordert angesichts des Elends nach der Flutkatastrophe mehr „Weltinnenpolitik“ und benutzt damit einen Begriff, den man lange Jahre nur von vermeintlichen Sozialromantikern hörte. Horst Köhler mahnt damit, die Zusammenhänge zwischen den Sorgen und dem Wohlergehen der Völker nicht aus den Augen zu verlieren oder, besser: endlich ins Auge zu fassen.

Ja, wir dürfen über unser Leben nachdenken – so lange wir die Welt nicht vergessen. Denn auch die Deutschen haben entdeckt, dass Innenpolitik mehr meint als die Koordination von Verbrechensbekämpfung, Fernstraßenbau und Bildungsplanung. Innenpolitik hat im weniger bürokratischen als ethisch-moralischen Sinn auch etwas damit zu tun, wie die Generationen miteinander leben, wie sie sich aufeinander einstellen und füreinander einstehen. Über Jahre hinweg haben wir Generationenkonflikte thematisiert, als sei in Deutschland das Zusammenleben von Jung und Alt nichts als eine ununterbrochene Kette von zwischenmenschlichen Reibungsverlusten.

Alles Unsinn. Was war tatsächlich geschehen? Jahrzehnte des wirtschaftlichen Wachstums hatten, völlig unabhängig vom Alter, zu einer Anspruchsmentalität geführt, die alle Sozialsysteme überforderte. Als kein neues Geld mehr zufloss, kollabierten sie. Daher rühren die etwas potemkinsch als Reformen verklärten Einschnitte im Sozialen. Heute wissen wir, dass es vermutlich nie wieder so werden kann wie in der Bundesrepublik der späten 80er Jahre. Keine neue Generation Golf, die sich im satten Überdruss langweilen darf, kein immerwährendes Rentnerleben auf Mallorca.

Aber fliegt dieses Land deswegen auseinander? Nein, die Generationen treten unverändert füreinander ein. Freunde sind wichtiger als Geld und auch nicht so flüchtig, soziale Netze eine wertbeständige Investition in die Zukunft. Bemerkenswert angesichts der ja wirklich nicht rosigen Perspektiven sind der Pragmatismus, der Fleiß und die Durchsetzungskraft der Jüngeren. Sie machen sich keine Illusionen und sind in ihrer Bereitschaft zur Flexibilität viel weiter als die Politik, die oft noch in der Phase des Beklagens verharrt. 650000 Frauen und Männer im Alter zwischen 18 und 25 Jahren haben seit 1990 auf der Suche nach neuen Chancen ihre Wohnorte in der früheren DDR verlassen und sind Richtung Westen gezogen. Was wäre die Alternative gewesen? Staatlich subventionierte Erwerbsplätze im Osten? Diese Experimente sind doch nun wirklich gescheitert. Und dass sich die Älteren, die ihr Leben nicht mehr umsteuern können, Sorgen machen, ist verständlich. Die Zeiten der Gewissheiten scheinen vorbei zu sein. Nichts ist mehr selbstverständlich.

Wir können, wir sollen uns auch diese Bundesrepublik nicht schöner reden, als sie ist. Aber wir sollten aufhören, sie grau anzustreichen, so als müssten wir sie hinter einem Tarnkleid verstecken. Angesichts von Asiens Leid nach der Katastrophe vom 26. Dezember werden die deutschen Sorgen auf das Maß zurechtgerückt, dass sie haben. Nicht mehr, nicht weniger.

Not kennt kein Gebot, das ist ein dummer Satz und ein falscher dazu. Das Gebot der Not ist die Hilfe. Wir folgen ihm gerade, nach innen und Welt-Innen.

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