Politik : Der Bürger im Netz: Den Mächtigen zum Trotz

Rainer Hank

Was haben BSE-Krise, Börsencrash und Gendebatte miteinander zu tun? Es sind allesamt Erfahrungen, welche die Menschen ängstigen. Und es sind Diskurse der Ohnmacht. Umfragen belegen: Selten waren die Menschen mehr von ihrer Machtlosigkeit überzeugt als zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Als Verbraucher fühlen wir uns ausgeliefert den Machenschaften der Landwirtschaft und Fleischindustrie. Als Anleger wähnen wir uns abhängig von den irrationalen Ausschlägen der Aktienmärkte. Als Menschen aber fürchten wir die anonyme Manipulation unseres genetischen Codes. Das alles sind Ängste, unser Leben verlaufe mehr denn je fremdbestimmt.

Nicht die Macht, sondern die Machtlosigkeit ist das Thema der Zeit. Die Hauptursache: Die Welt ist global, aber die Risiken werden individualisiert. Je offener die Systeme, um so verletzlicher sind sie. Der Sturz der Neuen Märkte an Wall Street wirkt unmittelbar auf das Depot des Anlegers in Wanne-Eickel. Wenn gleichzeitig soziale Sicherungssysteme bröckeln und die Sorge für Alter und Gesundheit nicht mehr kollektiv, sondern privat zu entscheiden ist, dann wächst das Gefühl der Hilflosigkeit.

Doch ist das alles wirklich wahr? Sind die Menschen heute machtloser als vor 50 Jahren? Kaum. Die Ohnmacht der Menschen in den Zeiten des kalten Krieges war größer. Die Labilität des Systems militärisch-atomarer Abschreckung war höher als die Verwundbarkeit globaler Netze und internationaler Finanzmärkte. Denn wer auf den wirtschaftlichen Austausch mit seinen nahen und fernen Nachbarn angewiesen ist, hat kein Interesse, diese Nachbarn zu vernichten.

Hinzu kommt: Die technische Revolution der letzten Jahre macht Wissen - zumindest theoretisch - für jedermann zugänglich. Wissen ist bekanntlich Macht. Sinkende Transport- und Telekommunikationskosten erweitern den Radius der Freiheit. Das Internet ist das Netz für alle: Denn mit der Maus zu surfen ist einfacher als einen Videorekorder zu bedienen. Bildung und Wissen ermächtigen zu den beiden zentralen Potenzialen der Freiheit: widersprechen oder abwandern. Widerspruch führt zum Beispiel dazu, dass jedes Milligramm Rindfleisch in der Wurst gekennzeichnet werden muss. Wem das noch zu riskant ist, der kann bei seiner Ernährung zu Gemüse abwandern; die meisten Länder leben wurstlos glücklich. Wer sich als Arbeitnehmer abhängig wähnt, kann versuchen, Unternehmer zu werden: Die neue Startup-Kultur zeigt, dass viele junge Menschen von dieser Freiheit Gebrauch machen. Der "Marktzugang" für die Bürger - sei es in ihrer Rolle als Wirtschaftssubjekte (Verbraucher, Arbeitnehmer oder Unternehmer) oder als politische Subjekte (Wähler) - war noch nie so leicht wie heute.

Weder der Hinweis auf vielfältige Zwänge noch auf gestiegene Risiken einer vernetzten Welt ist ein Einwand gegen die menschliche Freiheit. Denn Freiheit ist die souveräne Fähigkeit, sich zu seiner eigenen Natur (auch der genetisch determinierten oder manipulierten) und zu seiner Umwelt verhalten zu können. Im vollen Wissen um die wachsenden Risiken. Besser als der Ruf nach den Mächtigen ist die eigene Ermächtigung: Jeder kann die Netze kennen, nutzen und von ihnen profitieren.

Der Tagesspiegel will mit dieser letzten Ausgabe des alten Jahres, die zugleich die erste des neuen Jahres ist, die Vielfalt und die Macht der alten und neuen Netze beschreiben und deuten. Hoffnung gibt es genug, dass niemand in diesen Netzen gefangen ist wie im Netz der Spinne. Denn dahinter leuchtet die Macht menschlicher Freiheit.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben