Politik : "Der bürgerliche Wertehimmel": Sinngebend

Rudolf Helmstetter

Werte sind das halbe Leben und darum allenfalls die halbe Wahrheit. Der vorliegende Band weiß das besser als es sein Titel und Untertitel verraten: Es geht in den elf Beiträgen gar nicht so sehr um den "Wertehimmel" und um "Innenansichten" des bürgerlichen 19. Jahrhunderts, als vielmehr um die irdischen Einsatzfelder und sozialen Räume einzelner bürgerlicher Werte und Tugenden. Was "Selbstständigkeit", "Treue", "Liebe", "Freundschaft", "Männlichkeit", "Freiheit", "Natur" bedeutet, ergibt sich nicht durch Begriffsgeschichte. In materialreichen sozial- und diskursanalytischen Darstellungen von "Bedeutungs- und Wirkungskontexten" bürgerlicher Werte erschließen sich die privaten und öffentlichen Räume von Aneignungs- und Ausübungspraktiken, in denen der Bürger sein Erdenleben mit Sinn, Struktur, Kohärenz und Kontinuität ausstattete. Dabei verarbeitete er den Rohstoff der Gefühle zu "Werten".

Ein kultursoziologisches Interesse verbindet die elf Beiträge: Sie gehen der Funktion von normativ aufgeladenen Emotionen in der individuellen Lebensführung und für die Bildung von Gemeinschaften nach. Es geht dabei nicht um die Kluft zwischen deklarierten Werten, vermeintlichen Bedürfnissen und tatsächlichem Verhalten, sondern um die strukturbildende, sozial produktive Funktion der Werte.

Der Beitrag zur "Liebe am Beginn des bürgerlichen Zeitalters" ist mit "Metaphysik des Gefühls" überschrieben, die Darstellung der (protestantischen) Frömmigkeitspraxis spricht von "Ritualen" des Gefühls. In gewisser Weise aber scheint dem Bürger alles zur (Gefühls-) Religion geworden zu sein - als Hang zur "Frömmigkeit": die Bildung, die Arbeit, die Natur, die Beziehung zu sich selbst, zu den Mitmenschen und zur Gemeinschaft. Der "emotionale Überschuss", von dem Ute Frevert und Ulrich Schreiterer in ihrem herausragenden Beitrag zur "Treue" sprechen, ließe sich verallgemeinern: Bürgerlichkeit als Produktion und Verwertung emotionaler Überschüsse.

"Liebe" wurde mit der Einführung der Zivilehe als Heiratsgrund normalisiert, der in zahllosen Liedtexten und Reden beschworene Gefühlswert "Treue" wurde in Fahnen- und Beamten-Eiden staatstragend. Die inner- und außerhäuslich praktizierte (protestantische) Frömmigkeit spielte ein bedeutende Rolle bei der Gestaltung des bürgerlichen Privatraumes und des Familienlebens.

Aus dem als "Spektrum an Sinndeutungen und Verhaltensanleitungen" erläuterten "Wertehimmel" entwickelte das Bürgertum eine ganze Palette von Gegen- oder Nebenwelten mit eigenen, spezifischen Logiken der Ein- und Ausschließung: Ehe und Familie als Gegenwelt zur Berufswelt, die zahlreichen "Bünde" und geheimen Logen als männliche Gegenwelt zur familialen und zur weiblichen Welt, Gottesdienst und Gebet, Natur und Kunst als Gegenwelt zum Alltag und zu den öffentlichen Räumen. So ergibt sich ein ganzes Tableau, das die Bürgerlichkeit als Serie von Rückzugsräumen erscheinen lässt.

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