DER CAVALIERE ALS FAMILIENMITGLIED : "Hier bewegt sich nichts"

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Luca Di Ciaccio (26) gilt als einer der meistgelesenen politischen Blogger Italiens.

Ich stamme aus Gaeta, aus einer nicht besonders linken Familie. Es stimmt, was in Morettis Film „Der Kaiman“ über Berlusconi gesagt wird: Er hat das Land nicht erst als Regierungschef verändert, das begann mit seinem Einstieg ins Fernsehen. Und diese Veränderungen betreffen die italienische Kultur und Mentalität. Er kam aus der populären Kultur und eroberte die kulturelle Hegemonie, die früher die Linke hatte. Und er hat auch dominiert, wenn die Linke mal an der Regierung war. Der Berlusconismus ist aber aber keine Revolution, sondern die Fortsetzung der italienischen Situation: Man gibt einem Mann Carte blanche und lässt so eine Art weichen autoritären Systems entstehen. Als er 1994 in die Politik ging, war ich elf und ich fand ihn ziemlich sympathisch. Irgendwie war er wie ein Teil der Familie, er war schon immer da. Sie finden, ich klänge wie einer, der einem Versuch im Labor zusieht? Na, da gibt es solche und solche Labore. Es wäre jedenfalls ein Labor, um das man uns nicht beneiden sollte. Ich war zum Beispiel den Herbst über in den USA, während des Präsidentschaftswahlkampfs. Das war wunderbar. Während ich hier immer das kleinere Übel gewählt habe – 2001 zum ersten Mal – wollten auch dort viele einfach Bush loswerden. Aber es gab auch echte Begeisterung für das Konzept von Obama. Auch in Europa gibt es Alternativen.Überall geht es wenigstens etwas weniger kriminell und etwas ernsthafter zu als bei uns. Hier dagegen bewegt sich nichts. Und ich weiß nicht, wie sich etwas ändern sollte. Dafür braucht es eine kritische Masse und die sehe ich nicht. In meiner Heimatstadt Gaeta hat eine Bürgerliste die Wahl gewonnen, fern von den Parteien. Das zeigt, dass die allgemeine Unzufriedenheit und Wut über unsere politische Klasse sich auch ausdrücken kann. Ob die dann allerdings auch Politik machen können, wird sich noch zeigen. Meine eigene Lage sehe ich ziemlich dramatisch. Wahrscheinlich im Prekariat, wie sehr sehr viele meiner Freunde. Wir warten alle, dass etwas passiert. Aber es wird höchstens schlimmer. Und so viele haben so viel damit zu tun, ihren Alltag hinzubekommen, dass sogar die Zeit fehlt, sich mit Berlusconi zu beschäftigen.

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