• Der CDU-Bürochef litt unter der Trennung von der Familie - aber seine Tat hatte andere Gründe

Politik : Der CDU-Bürochef litt unter der Trennung von der Familie - aber seine Tat hatte andere Gründe

Harald Martenstein

Wolfgang Hüllen hatte Angst. Wolfgang Hüllen wusste, dass etwas auf ihn zukam und dass es für ihn keinen Ausweg gab. Er litt Qualen, die zu stark waren für ihn. Das wissen wir, weil Wolfgang Hüllen sich getötet hat.

Um sieben Uhr morgens rief seine Ehefrau Marion ihn an, am Donnerstag. Routine. Die Hüllens waren Neu-Berliner: Sie und die beiden Söhne, elf und sechzehn Jahre alt, lebten auf Abruf in einem mittelgroßen Eigenheim bei Bonn. Wachtberg, eine hügelige Gegend. Idyllisch. Da stammte er auch her, aus Wachtberg. In Berlin dagegen bewohnte Wolfgang Hüllen ein ziemlich tristes, halb leeres Apartmenthaus in Steglitz-Lichterfelde. Theklastraße, ein Zimmer, 36 Quadratmeter, Neubau. Hellholz mit karierten Vorhängen für 1500 Mark Miete, mit Blick auf ein Heizkraftwerk. Im Sommer sollte damit endlich Schluss sein, im Sommer sollte die Familie nachziehen.

Hüllen versprach, noch einmal zurückzurufen, vor der Arbeit oder vom Büro aus. Er tat es nicht. Wolfgang Hüllen aber war ein zuverlässiger Mann, einer von denen, die fast nie zu spät kommen und fast nie krank sind. Seine Frau machte sich Sorgen und alarmierte seinen Arbeitgeber. Die Fraktion. Die CDU-Kollegen riefen den Hausmeister an, der Hausmeister klingelte an der Wohnungstür, kein Ergebnis. Um zwanzig vor zwölf öffnet der Mitarbeiter eines Schlüsseldienstes die Tür, gemeinsam mit der Polizei. Sie finden Wolfgang Hüllen, er hängt an einem Heizungsrohr, tot. Wenig später erscheint auch die Feuerwehr am Tatort.

Die Tränen der Fraktion

Bevor er sich erhängte, hat Wolfgang Hüllen seine Brieftasche herausgetan, auf den Tisch. Daneben liegt, säuberlich zugeklebt, ein Abschiedsbrief. Ein Polizist öffnet die Brieftasche und findet Visitenkarten. Auf diesen Visitenkarten stehen drei rote Buchstaben: CDU. Spätestens von diesem Moment an ist allen Anwesenden klar, dass es sich um einen besonderen Todesfall handelt.

Um 13 Uhr 55 unterbricht der Bundestag seine Sitzung, die CDU versammelt sich. Wolfgang Schäuble verkündet den Tod eines Mitarbeiters. Einige Abgeordnete weinen. Auch der Personalchef der Fraktion weint. Es kommt so viel zusammen. Gerade erst hat Schäuble, der Parteivorsitzende, sich vor dem Plenum des Bundestages entschuldigt - dafür, dass er dem Parlament die Unwahrheit gesagt hat. Gerade erst haben sie bei der CDU einen beschämenden Auftritt hinter sich gebracht, auf eine doch irgendwie honorige Weise, oder? Gerade erst dachten sie, dass sie wieder ein bisschen Luft holen dürfen. Ein paar Tage lang Ruhe, relative Ruhe, an der Skandalfront. Jetzt weinen sie.

Wer war Wolfgang Hüllen? Woraus bestand seine Arbeit? Die Antwort, die man auf die Frage nach Hüllens Charakter am häufigsten hört, lautet: "Er war sehr verschlossen." Hüllen hatte nur wenige Freunde. Ein leiser, ruhiger, unauffälliger Typ, wie es ihn in jedem Büro gibt. Er hing an seiner Familie, so hört man, und die Trennung von ihr machte ihm schwerer zu schaffen als anderen Kollegen, die kontaktfreudiger sind. In der Unionsfraktion kannten ihn viele nicht einmal, obwohl er doch schon seit 1984, also fast seit Anbeginn der Ära Kohl, eine wichtige Funktion hatte.

Hüllen, Leiter des Büros "Haushalt und Finanzen", war sozusagen der oberste Buchhalter der Fraktion. Zimmer 006, Wilhelmstraße 60, da saß er zuletzt. Der Mann, der die Spesenquittungen abzeichnet und die Gehaltszettel überprüft. Der unauffällige Herr, der den Überblick hat. Hüllen war 49 Jahre alt. Und seit 1972, also seit beinahe 30 Jahren, war er bei der CDU angestellt. Seit fast 16 Jahren war er der Finanzchef. Eine Lebensstellung, könnte man sagen. Aber jetzt klingt dieses Wort seltsam.

Die Partei war sein Leben

Selbstverständlich hatte er Vorgesetzte. Er war ja nur eine mittlere Größe. Von Hüllen veranlasste Vorgänge mussten in der Regel vom Leiter des Fraktionsbüros abgezeichnet werden, der zur Zeit Michael Wettengel heißt, oder vom für Finanzen zuständigen Fraktionsvorstand. Der heißt zur Zeit Joachim Hörster. In unregelmäßigen Abständen werden solche Vorgänge von der Innenrevision geprüft. Mit der Innenrevision aber kannte Hüllen, der alte Hase, sich bestens aus. Er selbst hat in dieser Abteilung zwei Jahre lang gearbeitet. Vor der Innenrevision musste er keine Angst haben.

Der Tag, an dem Wolfgang Hüllen starb, war der Tag, an dem die Liste der Zeugen für den Untersuchungsausschuss zur Spendenaffäre aufgestellt wurde. Es wurde allmählich ernst mit der Durchleuchtung der CDU-Finanzen. Hüllen aber war ein Mann, der vieles wusste, wenn nicht alles. Die Fraktion steht im Zwielicht, weil fast 1,2 Millionen Mark von ihr an die Partei geflossen sind, in bar. Geld, das nach geltendem Recht der CDU nicht zustand. Möglicherweise war Hüllen sogar derjenige, der an Hans Terlinden, den Kurier der Partei, am 30. Januar 1997 das Geld übergab. Deswegen war sein Name in letzter Zeit doch ein wenig bekannter geworden, zumindest unter den Affären-Spezialisten. Aber für Journalisten ist Wolfgang Hüllen in den letzten Wochen nicht zu sprechen gewesen. Niemandem im Umfeld der CDU ist es in den vergangenen Wochen besonders gut gegangen. Warum also wollte Hüllen sterben?

Hüllens Chef, der Fraktionsgeschäftsführer Joachim Hörster, hat sofort nach dem Tod seines Untergebenen erklärt, dessen Motive lägen "im Bereich des Persönlichen". Kann man das so sagen? So einfach, so schnell? Dass Wolfgang Hüllens Tod mit den Zuständen in der CDU zu tun hatte, steht immerhin fest. Hüllen hatte Angst vor den Wirtschaftsprüfern. Aber wenn die Zeichen nicht trügen, hatte er keine Angst um die Partei. Er hatte Angst um sich selbst.

In seinem Abschiedsbrief, teilt die Polizei mit, fänden sich "Indizien auf Untreue". Falls diese Indizien stimmen, hat Hüllen in die Fraktionskasse gegriffen. Eine Haussuchung der Bonner Polizei und der Staatsanwaltschaft hat den Verdacht am Donnerstagabend weiter erhärtet. Die Polizisten haben auch diese Tür von einem Schlüsseldienst öffnen lassen. Die Witwe und die Kinder - alt genug, um zu verstehen - waren nicht zu Hause. Die Polizei hat Akten beschlagnahmt, und die Familie hat sich inzwischen einen Rechtsanwalt genommen. Bei der Fraktion waren die Polizei und die Staatsanwälte auch schon, Akten beschlagnahmen.

Der ermittelnde Oberstaatsanwalt heißt Dorsch. Das klingt wie ausgedacht, wie aus einem Krimi. Hans-Jürgen Dorsch, zuständig für Wirtschaftskriminalität, war bei der Durchsuchung der CDU-Räume dabei. Dorsch sagt derzeit nichts. "Die Ermittlungen befinden sich in einem Anfangsstadium, so dass derzeit keine Erkenntnisse mitgeteilt werden können." So weit die Polizei.

Schwarzes Geld? Schweigegeld?

Hüllens Leben war die CDU, das immerhin steht fest. Und er ahnte, dass dieses Leben vorbei war. Sie würden ihm auf die Schliche kommen, ihm, dem unauffälligen, korrekten Herrn. Aber welches Geld hat Wolfgang Hüllen sich genommen, wenn er denn welches genommen hat? Schwarzes Geld? Schweigegeld? Hat er sich bedient, weil er glaubte, in dem allgemeinen CDU-Finanztohuwabohu fiele ohnehin niemandem etwas auf? Hat er, weil sah, wie andere sich bedienten, der Versuchung nicht widerstehen können? Das sind einige der Fragen, um die es in den nächsten Tagen geht, vor allem vor dem Hintergrund der Zustände in der hessischen CDU.

Auch die hessische CDU hatte mal einen unehrlichen Mitarbeiter. Als er aufflog, drohte er der CDU damit, sein Wissen über die Parteifinanzen dem "Spiegel" zu offenbaren. Man einigte sich im Stillen und gütlich. Gehört so etwas zum "persönlichen Bereich"? Oder verschmelzen hier das Persönliche und das Politische auf eine untrennbare Weise - auf eine Art, wie sie womöglich typisch ist für das System Helmut Kohl?

Wenn einer sich umgebracht hat, heißt es in der CDU-Fraktion, ist man nie erleichtert. Aber hinter vorgehaltener Hand sagt man auch: Es hätte schlimmer kommen können. Es ist vielleicht wirklich eine persönliche Angelegenheit. Hüllen hat einen Fehler gemacht und hat es nicht mehr ausgehalten: dieses Gefühl, dass eine Schlinge sich langsam zuzieht, und dass dein gewohntes Leben in Trümmer fällt.Mitarbeit: Stephan-Andreas Casdorff, Thomas Kröter, Werner Schmidt und Holger Stark

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