Politik : Der demütige Kronzeuge

Im Al-Tawhid-Terrorprozess fordert die Bundesanwaltschaft fünf Jahre Haft – der Angeklagte ist geständig

Jürgen Zurheide[Düsseldorf]

Diesen Satz hat der Vorsitzende Richter Ottmar Breidling in seinem Berufsleben noch nicht oft gehört. „Ich bin froh“, sagt Shadi A., der Angeklagte im Al-Tawhid-Terrorprozess, in seinem Schlusswort an diesem 28. Verhandlungstag, „dass ich festgenommen wurde“. Und er fügt hinzu: „Ich habe Schuld auf mich geladen und verdiene die Strafe.“

Bei diesen Worten schaut der Vorsitzende Richter genauso wie seine vier Kollegen aufmerksam zu Shadi A. herüber, der dann aber von seinem Verteidiger ein Zeichen zur Mäßigung bekommt. Damit geht dieses Verfahren im schwer gesicherten Bunker des Düsseldorfer Oberlandesgerichtes seinem Ende entgegen, die Richter müssen jetzt am kommenden Mittwoch ihren Urteilsspruch verkünden. Sie können schon jetzt erwarten, dass der Angeklagte selbst eine Gefängnisstrafe mit Demut annehmen wird.

Die Bundesanwälte haben in ihrem Plädoyer fünf Jahre beantragt und bei diesem Strafmaß die aktive Rolle des 27-jährigen Palästinensers gewürdigt, der mit mehreren Komplizen Handgranaten-Anschläge in Berlin und Düsseldorf geplant haben soll. Im Gegensatz zu den meisten anderen Terroristenverfahren ist in diesem Prozess kein böses Wort gefallen, der Vorsitzende hat den Angeklagten stets mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt, der Beschuldigte hat sich mit umfassenden Aussagen revanchiert. „Die Winde wehen nicht immer so, wie es die Schiffe möchten“, hat Shadi A. in seinem letzten Wort gesagt und damit auf den Teil seines persönlichen Schicksals hingewiesen, der ihn an die Abgründe des Terrorismus geführt hat. Er war nach Deutschland gekommen, um vor der eigenen Familiengeschichte zu fliehen; gelandet ist er dann über den Umweg Mekka in einem Ausbildungslager von Al Qaida in Kandahar. Kurzzeitig war er offenbar Leibwächter von Osama bin Laden, bevor ihn die Verantwortlichen von Al Tawhid wieder mit einem tödlichen Auftrag zurück nach Deutschland geschickt haben.

„Er hatte die Aufgabe, potenzielle Anschlagsziele zu erkunden und die Waffen zu besorgen“, urteilen die Bundesanwälte und sind überzeugt, dass die Ermittlungsbehörden die Gruppe um Shadi A. im rechten Moment festgesetzt haben. Als in den abgehörten Telefongesprächen deutliche Hinweise auf die bevorstehenden Anschläge kamen, haben die Kriminalisten am 23. April 2002 zugeschlagen. „Die Waffenlieferungen standen unmittelbar bevor und das Ziel lautete: so viele Menschen wie möglich zu töten“, sagt Staatsanwalt Christian Monka von den Karlsruher Anklägern. Weil der Angeklagte kurz nach seiner Festnahme allerdings mit den Ermittlern zu kooperieren begann, bewegen sich auch die Bundesanwälte nur in der Mitte des vorgegebenen Strafmaßes, das bei Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung bis zu zehn Jahren vorgibt. Immerhin, gibt Bundesanwalt Dirk Fernholz zu, „haben Sie geholfen, den Informationsstand über Osama bin Laden zu verbessern“.

Weil sich Shadi A. für diesen Weg entschieden hat, ist sein Leben in hohem Maße gefährdet. „Er hat auf sich genommen, nie mehr ein Leben ohne fremde Hilfe führen zu können", sagt dazu sein Verteidiger Rüdiger Deckers, der dem Sachvortrag der Ankläger nicht widerspricht. Er unterscheidet sich nur in einem Punkt: „Weil er geständig ist, bitte ich das hohe Gericht um eine milde Strafe.“

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