Politik : Der diskrete Charme der Macht

Frankreichs Präsident Chirac wird 70 – und ist unangefochten

Albrecht Meier

Als er vor zwei Jahren in Nizza die quälend langen Sitzungen des EU-Gipfels zu bewältigen hatte, machte das Gerücht die Runde, Jacques Chirac habe gegenüber seinen europäischen Sparringspartnern auf einer ausreichenden Nachtruhe bestanden. Das Gerücht war durchaus plausibel: Chirac wirkte müde, zermürbt vom Kohabitations-Streit mit Lionel Jospin. Heute präsentiert sich den Franzosen ein anderer Chirac. Er wirkt munter und gut aufgelegt – was er seine europäischen Partner gerne spüren lässt. Im Sommer warf er beispielsweise in Schwerin Bundeskanzler Gerhard Schröder die Bemerkung zu, seine Wiederwahl zum Präsidenten habe auf ihn wie ein Jungbrunnen gewirkt. Am heutigen Freitag wird Chirac 70.

Es ist wohl die ungewohnte Machtfülle, die auf Chirac wie ein Elixier wirkt. Seit dem Frühjahr regiert er Frankreich gemeinsam mit Jean-Pierre Raffarin, einem Premierminister aus dem eigenen bürgerlichen Lager. Vorbei die Zeiten, da Chirac sich mit dem sozialistischen Premier Jospin beharkte. Chirac und Raffarin stehen in den Umfragen gut da, was sich auch für Chirac belebend auswirkt: Nur wenige Politiker in Frankreich zelebrieren das Bad in der Menge so wie Chirac.

Im eigenen Land hatte Chirac bis zu seiner Wiederwahl im Frühjahr damit zu kämpfen, dass sein Ruf wegen zahlreicher Skandale angekratzt ist. Für die Deutschen stellte sich Chirac häufig als beinharter Vertreter französischer Interessen dar: Da war, kurz nach seiner ersten Wahl ins Präsidentenamt im Jahr 1995, die Aufnahme der Atomtests im Südpazifik. Dann rangelten Chirac und Helmut Kohl um die Besetzung des Chefsessels der Europäischen Zentralbank. Schließlich geriet Chirac mit Schröder in Nizza in der Frage aneinander, wie die Stimmen in den EU-Ministerräten gewichtet sein sollen.

Das alles ficht den französischen Staatschef heute nicht mehr an. Im UN-Sicherheitsrat hat er Frankreich in der Irak-Diskussion Gewicht verschafft. Dann gelang es Chirac in diesem Monat auch noch, mit der Gründung der neuen bürgerlichen Dachpartei UMP eine innenpolitische Front zu begradigen. Eine solide Mehrheit im Parlament, eine eigene große Partei und die Aussicht auf weitere vier Jahre im Präsidentenamt: Schon macht das Wort von einer Ära des „Chiracismus“ die Runde.

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