Politik : Der Egon Krenz der Karibik

Von Philipp Lichterbeck

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Es gibt kaum eine Frage, die schwerer zu beantworten ist: Was wird aus Kuba nach Fidel Castro? Dass sie sich stellt, ist unbestritten. Mit der Machtübergabe an seinen jüngeren Bruder Raul hat der fast 80-jährige Diktator den Anfang vom Ende des Fidelismus auf der Karibikinsel eingeläutet.

Wann Castro stirbt – ob morgen oder in fünf Jahren – ist dabei nebensächlich. Denn die Vorbereitung für die Zeit nach ihm hat begonnen. 45 Jahre nach der missglückten US-Invasion in der Schweinebucht und 17 Jahre nach dem Fall der Mauer steht Kuba damit vor dem größten Wandel seit 1959, als Castro den Diktator Batista stürzte. Doch wie wird der Wandel ablaufen? Es sind die unterschiedlichen Interessen und Vorstellungen über Kuba, die aufeinanderprallen. Sie machen eine Antwort so schwierig.

Im Norden, in Miami, haben die Exilkubaner schon die Champagnerflaschen für die Stunde von Castros Tod gekühlt. Wer ihre von der US-Regierung finanzierten Propagandasender hört, dem kann angst und bange werden. Dort wird die Zeit einfach um 50 Jahre zurückgedreht. Von Castros Regime enteigneter Besitz würde zurückerstattet, Kuba würde wie vor 1959 wieder ein Paradies für US-Kapital und US-Kapitalisten.

Auf der anderen Seite der Karibik verspricht unterdessen Venezuelas Präsident Hugo Chavez dem kubanischen Volk seine Solidarität. Und meint damit, dass alles so weitergehen soll wie bisher. Wie der mit Petrodollars gesegnete US-Antagonist sich nach dem Tod Castros, seines Freunds und engen Handelspartners, verhalten wird – vor allem, wenn die USA aktiv werden –, ist völlig offen. Doch auch Hugo Chavez’ „Weiter so!“ ist eine Illusion.

Denn selbst Kubas derzeitiger Führer, Raul Castro, steht für eine Abkehr vom Fidelismus. Er weiß, dass er das kommunistische System nur durch Reformen retten kann. Er hat sich bereits für eine Liberalisierung der Wirtschaft nach chinesischem Muster ausgesprochen. Für eine Öffnung des politischen Systems hin zu mehr Demokratie steht jedoch auch Raul Castro nicht. Er degradiert sich damit zu einer Übergangsfigur, einer Art Egon Krenz der Karibik.

Die US-Regierung, mächtiger als niemand sonst im Hinterhof, lässt derweil verlauten, dass man ein soft landing Kubas wünsche, keinen crash. Ein von Präsident George W. Bush in Auftrag gegebener Kommissionsbericht schlägt Soforthilfe in Höhe von 80 Millionen Dollar für Oppositionelle, 100 000 Tonnen Nahrungsmittelhilfe und die Modernisierung der gesamten kubanischen Infrastruktur für die Post-Castro-Ära vor.

Dieser Marshallplan für Kuba ist von der großen Angst motiviert, Hugo Chavez könnte entscheidend in die Geschicke Kubas eingreifen. Zum anderen fürchten die USA, dass es bei Unruhen auf der Insel zu einem Exodus der Kubaner an die 150 Kilometer entfernte Küste Floridas kommen könnte.

Die wichtigste Frage ist gleichzeitig die unsicherste: Was wollen die Kubaner selbst? Wohl keiner wird das ausgezeichnete Gesundheits- und Bildungssystem infrage stellen. Niemand wird den Mafia-Kapitalismus wollen, der Osteuropa nach dem Ende des Kommunismus heimsuchte. Doch werden die Kubaner nach dem Tod Castros weiter der kommunistischen Partei die Treue halten, wie die Propaganda behauptet? Oder werden sie ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen, spontan den Präsidentensitz stürmen und die Demokratie ausrufen?

Damit es in Kuba zu einer weichen Landung kommen kann, müsste die US-Regierung den militanten Exilkubanern die Hunderttausenden von Dollars Hilfe streichen und den Dialog mit Fidel Castros Nachfolger suchen.

Und wann, wenn nicht jetzt, wäre die Zeit reif, ein Signal der Versöhnung auszusenden und die Wirtschaftsblockade gegen Kuba aufzuheben. Es würde Raul Castro kompromittieren und seine Regierung völlig verunsichern. Auch Fidel Castro hatte auf Kuba immer dann besonders viel Rückhalt, wenn ihm der Wind aus den USA am heftigsten entgegenblies.

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