Politik : Der Erfolg des Dr. M.

Premier Mahathir hat Malaysia zu einem islamischen Musterland gemacht. Was kommt nach seinem Rücktritt?

Moritz Kleine-Brockhoff[Kuala Lumpur]

An diesem Freitag geht Dr. M. Nach mehr als 22 Jahren gibt Malaysias Ministerpräsident Seri Doktor Mahathir bin Mohammad sein Amt ab. Viele der 24 Millionen Menschen im Land werden dies wohl bedauern. Jetzt sehen sie im Fernsehen Serien über Mahathirs Politikerleben und schreiben in Einkaufszentren in Gedenkbücher. Am Ende ihrer Texte steht oft nur: „Danke“.

Denn Dr. M., wie der Premier oft genannt wird, ist Vater der größten Wirtschaftserfolgsgeschichte der islamischen Welt, aus einem Entwicklungsland hat er ein beeindruckendes Malaysia gemacht: mit Reichen, einer Mittelklasse und wenigen Armen, mit Hochhäusern, Schulen und Krankenhäusern, Fabriken, Öl- und Gasförderung, mit Weltklasse-Flughafen und Formel-1-Rennstrecke. Und wenn Mahathir am Freitag dem König seinen Rücktritt mitteilt, wird ihm dieser auch dafür danken, dass der malaiische Moslem Frieden zwischen den Bevölkerungsgruppen und religiöse Toleranz gesichert hat. „Malaysia ist ein islamischer Staat“ hatte Mahathir gesagt. Und gezeigt, dass das keine Drohung sein muss. Neben den 60 Prozent Moslems im Land dürfen Christen, Hindus und Buddhisten ihre Religionen ausüben. Jedoch gibt es keine gemeinsamen Schulen, geheiratet wird innerhalb der eigenen Gruppe.

Schon fragen sich deshalb Beobachter, ob dieser Friede mit Mahathirs Rücktritt beendet sein könnte. Ein Minister der islamischen Partei „Pas“ kündigte an: „Wir wollen ganz Malaysia regieren und einen wahren islamischen Staat schaffen!“ Seine „Parti Islam Se Malaysia“ hatte 1999 in zwei von 13 Bundesstaaten die Wahlen gewonnen. Jetzt versprach die Pas ein „Theokratisches Manifest“ für ein islamisches Malaysia. Im Bundesstaat Terengganu gibt es einen Vorgeschmack darauf, seit Montag können Moslems dort nach islamischem Recht bestraft werden, unter anderem mit Steinigung oder Amputation.

Pas-Präsident Hadi Awang unterstützt öffentlich die radikale palästinensische Hamas-Bewegung, er hält Selbstmordattentate für legitime „Selbstverteidigung“. Die Pas-Regierung in Kuala Terengganu residiert im „Wisma Darul Iman“. Die Beamten dort tragen fast alle islamische Gebetskappen, Frauen arbeiten in einer Uniform, die nur Gesicht und Hände unbedeckt lässt: hellblaues Gewand und weißes Kopftuch. Im Rest der Stadt erinnern Vorschriftsschilder die moslemischen Frauen an das Kopftuchtragen, im „Astaka“-Supermarkt müssen Männer und Frauen getrennt bezahlen.

Anders in der 400 Kilometer entfernten Hauptstadt Kuala Lumpur. Dort sitzen Christen und Hindus in Straßencafés und trinken Wein. In Discos wird oft noch getanzt, wenn die Moslems wieder zum Morgengebet aufstehen. „Das ist Vielfalt“, sagt ein Partygänger. „Das muss aufhören“, sagt Wan Muttalib von der Pas. Ein westlicher Beobachter nennt Malaysia denn auch „ein Pulverfass“, in dem es „unter der Oberfläche brodelt“.

Mahathir hatte den Malaien – meist Moslems – seinerzeit Privilegien verschafft. Sie sollten aufschließen zu Chinesen und Indern, die die Wirtschaft kontrollieren. „Jetzt sind alle unzufrieden“, sagt ein Diplomat, „die Minderheiten, weil sie Bürger zweiter Klasse sind. Und die Malaien-Mehrheit, weil die fleißigen Minderheiten trotz Nachteilen reich werden.“ Abdul Rasak Baginda vom Institut für Strategieforschung bestätigt Spannungen, glaubt aber nicht an einen drohenden Eklat. „Alle wissen, dass dann ihr Wohlstand auf dem Spiel steht“, sagt er, „der neue Premier Abdullah wird weiter Stabilität garantieren. Gegen ihn hat Pas keine Chance.“

Auch wenn Malaysia nun trauert, die westliche Welt wird sich an Mahathir nicht nur als Lichtgestalt erinnern. Kritiker werfen ihm einen autokratischen Führungsstil und die Missachtung demokratischer Regeln vor. Und mit seinen Äußerungen schoss Mahathir oft über das Ziel hinaus. Zuletzt hatte er öffentlich behauptet, Juden regierten „die Welt durch Stellvertreter“, und 1,3 Milliarden Moslems könnten nicht durch ein paar Millionen Juden besiegt werden.

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