Politik : Der ewige Kanzler

Schröder geht es nicht um eine bestimmte Dauer seiner Amtszeit. Er will einen Punktgewinn gegen die Union

Robert von Rimscha

Der Dialog klappte reibungslos. Erst taten SPD-Fraktionschef Franz Müntefering und SPD-Generalsekretär Olaf Scholz in Interviews kund, sie rechneten fest mit einem SPD-Spitzenkandidaten namens Gerhard Schröder für die Bundestagswahl im Herbst 2006. Prompt fragte die „Bild“-Zeitung am Montag: „Will uns Schröder ewig regieren?“ Postwendend kam die Antwort: „Ewig gewiss nicht!“

So sprach der Kanzler auf dem Weg in die SPD-Gremiensitzungen. Die Partei und die Republik dürfen nun darüber rätseln, welchen Zeitraum unterhalb der Ewigkeitsschwelle Gerhard Schröder im Kanzleramt anstrebt. Offenbar einen, der die Fortsetzung seiner Arbeit nach einer gewonnenen Wahl 2006 beinhaltet. Nach den Sitzungen von Präsidium und Vorstand seiner Partei beschied Scholz jedenfalls in süffisantem Ton, er wundere sich, dass eine Ausrufung von Schröder zum SPD-Kanzlerkandidaten für 2006 noch immer als Neuigkeit empfunden werde. Denn dies sei doch ein Personalangebot, das „er, ich und viele andere für richtig halten“. Mit „er“ war da allerdings Müntefering gemeint, nicht Schröder. Scholz nahm einen weiteren Anlauf: Klar sei doch, dass die SPD 2006 gewinnen wolle. „Wir sind uns ziemlich alle einig darüber, dass das mit Gerd Schröder klasse funktioniert.“ Also bleibt der Kanzler Kanzler, wenn es nach ihm geht? „Ja, wir sagen das so, und das ist auch so.“

Schröder selbst war es, der einst ganz anders sprach. „Acht Jahre sind ein gutes Maß“, hatte er in der noch frischen Erinnerung an die 16-jährige Amtszeit von Helmut Kohl gesagt. 2000 dann bestätigte Schröder „ausdrücklich“ einen Zeitraum von acht bis zehn Jahren, während derer er die Regierung führen wolle. Zehn Jahre: Das wäre bis 2008, bis zur Mitte der kommenden Legislatur, also bis zu einem Zeitpunkt, der als idealer Übergabetermin gilt. Jener Zeitpunkt zwischen zwei Wahlen, den Helmut Kohl 1996 verpasste, als er nicht an Wolfgang Schäuble übergab.

Inmitten so vieler Mäntel der Geschichte bemühte sich der Regierungssprecher am Montag um Mäßigung. „In eigener Verantwortung“ hätten Müntefering und Scholz Schröders Kandidatur ausgerufen. „Jeder ist frei, Interviews zu geben“, meinte Bela Anda. Und auf noch etwas wies der Regierungssprecher hin. Schröder selbst habe doch klargestellt, dass „zu gegebener Zeit“ darüber entschieden werde, mit welchem Spitzenkandidaten die Sozialdemokratie in die nächste Bundestagswahl gehen wird.

Nun sind Müntefering und Scholz nicht irgendwer, sondern Schröders wichtigste Stützen und treueste Soldaten. Da mag niemand in Berlin an einen Zufall glauben, wenn beide verkünden, sie setzten 2006 auf Schröder. Ist also, ohne dass der Kanzler selbst es sagen möchte, gerade jetzt die „gegebene Zeit“ für die Verkündung künftiger Ambitionen?

Die SPD will Tatkraft und Perspektive intonieren. Wo den Bürgern in den Wirren der Reformdebatten leicht die Übersicht abhanden kommt, soll die Möglichkeit der personellen Kontinuität beruhigen. Und ganz nebenbei eröffnen Personal-Beiträge die Möglichkeit, aus der Union einen Gegenvorschlag zu provozieren: Wenn die SPD sich so frühzeitig auf eine Fortschreibung der Ära Schröder festlegt, dann könne doch auch die Union nicht bis 2005 warten, ehe sie sich entscheidet. Zudem ist die Frühwarnung mit der erneuten Schröder-Kandidatur ein Reflex auf den Umstand, dass die Person des Kanzlers weiter populärer ist als seine Partei. Von Schröder ist sattsam bekannt, dass er den knappen Sieg im September 2002 als ganz persönliches Verdienst begreift. Da ist es logisch, den Personen-Bonus auszuschlachten. Schröder als Kanzlerkandidat 2006: Das erinnert das Volk daran, dass ihm gegenüber das unsortierte Trio Merkel/Koch/Stoiber steht.

Freilich erinnert Schröders Kandidatur-Ankündigung auch daran, dass sie eine bequeme ist. Denn der Kanzler tritt keinem in der SPD auf die Füße – ein Nachfolger steht nicht bereit, kein Kronprinz ist in Sicht. Das ist jenes Problem, das die SPD bis 2010 lösen muss. Jetzt aber signalisiert des Kanzlers Kandidatur-Bereitschaft: weg von den Details – es gibt den langen Atem, den großen Wurf. Und der heißt Schröder.

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