Politik : Der Ex-Diktator hat 16 Krankheiten

Ralf Schulze

Der geheim gehaltene Ärztebericht über den Gesundheitszustand des chilenischen Ex-Diktators Augusto Pinochet bescheinigt, dass der 84jährige weitgehend verhandlungsunfähig ist. In dem 13seitigen Gutachten, dass spanischen Zeitungen zugespielt wurde, heißt es: Vor allem wegen seiner fortschreitenden Kreislauf- und Nervenleiden sei Pinochet nicht in der Lage, einem Strafprozess zu folgen.

Das Papier listet 16 Krankheiten auf, an denen der General leidet, darunter auch Asthma, Diabetes, Schilddrüsenfehlfunktion, Gicht, Prostata-Probleme, Parkinson und Gedächtnisstörungen. Er müsse täglich elf verschiedene Medikamente einnehmen.

Das höchste britische Zivilgericht hatte am Dienstag entschieden, dass das britische Geheimgutachten vier Staaten zugänglich gemacht werden muss, und zwar Spanien, Belgien, Frankreich sowie der Schweiz. Diese vier Länder hatten die Auslieferung Pinochets wegen Menschenrechtsverbrechen verlangt. Der britische Innenminister Jack Straw will den chilenischen Ex-Diktator wegen des Medizinerattestes freilassen, dies war unter anderem von Belgien angefochten worden. Das Gutachten war am 5. Januar dieses Jahres auf Betreiben Londons von drei Ärzten erstellt worden.

Die Regierungen Belgiens, Frankreichs, der Schweiz und Spaniens haben bis zum Dienstag Zeit, in London mögliche Einwände gegen das Gutachten vorzubringen. Die spanische Regierung bekräftigte am Mittwoch, dass sie gegen eine Freilassung des Ex-Diktators keinen Einspruch erheben werde.

Die Ärzte sprechen in ihrem Bericht von einer "sehr komplexen" Krankengeschichte, heben jedoch ein fortschreitendes Gehirngefäßleiden, Bluthochdruck, eine Diabetes- und Anzeichen einer Parkinson-Erkrankung hervor. Bezüglich seiner physischen Gesundheit kommen die Mediziner zu dem Schluss: "Pinochet wäre zwar in der Lage, dem Prozess beizuwohnen", aber es sei wahrscheinlich, dass der körperliche Abbau weitergehe. "Nach einem Gang von nicht einmal 200 Metern werden ihm die Beine schwach", heißt es.

Was seine geistige Gesundheit angeht, erklären die Ärzte: "Der Senator Pinochet ist derzeit nicht in der Verfassung, an einem Gerichtsverfahren teilzunehmen." Letzteres und entscheidendes Urteil stützen die Mediziner auf folgenden Befund: Erinnerungsmängel und die eingeschränkte Fähigkeit, Sätze zu verstehen sowie die Unfähigkeit, angemessen sprachliche Informationen zu verarbeiten. Pinochet könne sich zunehmend weniger in verständlicher sowie zusammenhängender Form ausdrücken, und er ermüde schnell. Unter dem Strich: "Er wäre nicht in der Lage, dem Prozess mit der notwendigen Flüssigkeit zu folgen, um seinen Anwälten Instruktionen zu geben. Er hätte Schwierigkeiten, den Inhalt und die Bedeutung von Fragen zu verstehen."

Das Ärzteteam schließt aus, dass Pinochet die Beschwerden nur vorgespielt haben könnte, um freizukommen. Es gebe keine Anzeichen, "dass die Symptome der bewußten Übertreibung der Beschwerden" zuzuschreiben seien. Zudem listen die Doktoren eine Reihe von Beobachtungen auf, die Pinochets Verfall in ihren Augen belegen: Er habe unter anderem vergessen, wie man einen Computer benutzt, die Lust zu lesen verloren und Schwierigkeiten sich zu rasieren. Eine Depression, von der auch einmal die Rede war, habe man hingegen nicht gefunden. Im Gegenteil: "Der Sinn für Humor ist intakt."

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