Politik : Der Ex-Kommunist und der Ex-Dissident Seite an Seite

Stephan Israel

Der Ex-Kommunist und der Ex-Dissident werben Schulter an Schulter von den Plakatwänden herab für den Wechsel: Die Sozialdemokraten (SDP) von Ivica Racan und die Sozialliberalen (HSLS) von Drazen Budisa gehen als Favoriten in die Parlamentswahlen an diesem Montag. Die zwei Parteien treten gemeinsam an, um die zehnjährige Vorherrschaft der "Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft" (HDZ) zu beenden.

Die Wahl erfolgt nur wenige Wochen nach dem Tod von Präsident Franjo Tudjman, dem "Vater der Nation" und Galionsfigur der HDZ. Die letzten Umfragen prognostizieren dem Bündnis von Sozialdemokraten und Sozialliberalen eine relative, aber keine absolute Mehrheit im neuen Parlament. Das Bündnis kann jedoch auf die Unterstützung einer Allianz von vier kleineren Oppositionsparteien zählen. Die nationalistische HDZ dürfte nur noch rund 50 der insgesamt 150 Sitze im kroatischen Unterhaus (Sabor) besetzen.

Der 55-jährige Ivica Racan, ein zurückhaltender Mann mit Dreitagebart, war der letzte Chef der kroatischen Kommunisten vor dem Zerfall Jugoslawiens. Drazen Budisa, sein Partner von heute, saß während der kommunistischen Ära vier Jahre im Gefängnis. Er hatte 1971, während des "kroatischen Frühlings", die Studentenbewegung angeführt. Skeptiker sagten dem ungleichen Bündnis im Sommer keine lange Lebensdauer voraus. Vor allem der moderate Nationalist Budisa gilt als ziemlich ehrgeizig. Doch die Partnerschaft funktioniert bisher überraschend gut.

Man braucht sich gegenseitig: Die SDP von Racan wird den Großteil der Stimmen beisteuern. Den Sozialdemokraten wird am ehesten zugetraut, die Arbeitslosigkeit von derzeit rund 20 Prozent zu bekämpfen. Budisa, der ehemalige Dissident, bietet SDP-Chef Racan im Gegenzug Schutz vor der Wahlpropaganda der Tudjman-Partei: Diese warnt vor einer Rückkehr zum Kommunismus, sollten die Sozialdemokraten gewinnen. Im Lager der Favoriten sind die Rollen klar aufgeteilt: Racan dürfte im Falle des Wahlsieges Kroatiens neuer Premierminister werden. Budisa wird als gemeinsamer Kandidat bei den Präsidentenwahlen vom 24. Januar antreten.

Die führungslose HDZ kämpft noch nach dem alten Muster. In einem persönlichen Brief an alle Bürger des Landes preist Außenminister Mate Granic die Verdienste seiner Regierung. Im staatlichen Fernsehen geht scheinbar alles korrekt zu: Jede der 54 Parteien erhält die gleiche Werbezeit. Doch im Abendprogramm läuft "zufälligerweise" eine mehrteilige Serie über Verbrechen der kommunistischen Partisanen am Ende des Zweiten Weltkrieges. "Alles für Kroatien", wirbt der verstorbene Tudjman mit einem Kleinkind in den Armen von den Plakatwänden. Zuerst wollte die Partei nach dem Tod des Präsidenten auf diese Reklame verzichten, kam dann aber doch nicht aus ohne die Galionsfigur. Das hat auch damit zu tun, dass die Nachfolge nach wie vor offen ist. Die Ultranationalisten um Vladimir Seks streiten sich mit dem gemäßigten Außenminister Mate Granic um Erbe und künftige Ausrichtung der Partei.

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