Politik : Der Fall Joseph: Pfarrer von Sebnitz vom Dienst beurlaubt

Wegen umstrittener Äußerungen im Zusammenhang mit dem Tod des sechsjährigen Joseph ist der evangelische Pfarrer von Sebnitz, Konrad Creutz, vorläufig vom Dienst beurlaubt worden. Das teilte das Landeskirchenamt Sachsen am Sonnabend mit. In einer Pressemitteilung hieß es, die Äußerungen von Creutz seien zutiefst zu bedauern.

Der Pfarrer hatte den Eltern des mutmaßlich aus rassistischen Motiven getöteten Kindes vorgeworfen, ihre Erziehungspflicht verletzt zu haben. Das Landeskirchenamt bat die Eltern für diese verletzenden Äußerungen um Entschuldigung. Die evangelische Kirche hält an diesem Sonntag in Sebnitz um 14 Uhr einen Fürbittegottesdienst für Joseph. Auch der katholische Pfarrer wird am Sonntag um 8.30 Uhr während des Gottesdienstes den Fall in den Mittelpunkt seiner Predigt stellen.

Der Staatsanwaltschaft in Dresden lagen nach Auskunft eines Sprechers am Samstag keine neuen Erkenntnisse zu dem Fall vor. Zwei der drei verhafteten Tatverdächtigen sollen am Montag dem Ermittlungsrichter in Dresden vorgeführt. Ob die Bundesanwaltschaft wegen eines extremistischen Hintergrundes den Fall übernehme, werde derzeit geprüft, sagte eine Sprecherin der Behörde in Karlsruhe. Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen. Der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf mahnte, mit dem vorliegenden Verdacht müsse sehr sorgfältig umgegangen werden. Nicht alles, was mit Hass und Gewalt zu tun habe, sei automatisch Rechtsextremismus, sagte Biedenkopf auf dem CDU-Landesparteitag in Rietschen.

Die Medien hätten schon den geringsten Verdacht zur Realität erklärt, sagte Biedenkopf weiter. Der Stadt Sebnitz sei das verwehrt worden, was jedem Menschen zustehe, die Unschuldsvermutung. Stattdessen sei der Ort "öffentlich hingerichtet" worden. Nun müsse Sebnitz mit einem Stigma leben, von dem sich die Stadt so schnell nicht wieder erholen werde.

Der sechsjährige Sohn des aus Irak stammenden Apothekers Saad Abdulla und seiner deutschen Ehefrau Renate ertrank am 13. Juni 1997 im Freibad von Sebnitz. Nach neuen Zeugenaussagen, die die Eltern an die Öffentlichkeit brachten, sollen Neonazis das Kind misshandelt und ertränkt haben. Die drei Tatverdächtige wurden daraufhin verhaftet.

Spitzenpolitiker nahmen den Fall mit Erschütterung auf. Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte der "Bild"-Zeitung, wenn die Berichte zuträfen, gehöre der Mord in Sebnitz "zum Scheußlichsten, was in den letzten Jahren in Deutschland passiert" sei. "Ich erwarte ein politisches Signal von Verantwortlichen des Freistaates Sachsen und die rückhaltlose Aufklärung des Falles." Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel forderte mehr Zivilcourage: "Wer so etwas sieht und nichts unternimmt, macht sich mitschuldig. Das gilt für Bürger, aber auch für die Politik. Nichtstun kann töten." Grünen-Fraktionschef Rezzo Schlauch: "Ich bin fassungslos über die menschenverachtende Ignoranz so genannter normaler Bürger, die das Verbrechen geschehen ließen, ohne einzugreifen. Betroffen zeigte sich auch der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber: "Diese Tat geht mir so unter die Haut wie kaum ein anderes Ereignis und entsetzt mich zutiefst. Genauso dieses Wegschauen und Nichthandeln so vieler."

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