Politik : Der Fall Leuna: Wider die Korruption

Viktor Parma

Spätestens seit dieser Woche ist er auch in Deutschland kein Unbekannter mehr: Mit Äußerungen, die in Zusammenhang gerieten mit einer Namensliste in den Leuna-Ermittlungsakten, in der 29 Unions-Politiker genannt sein sollen, sorgte Bernard Bertossa am Mittwoch für Aufregung. Denn, so lauteten die Meldungen, nach Ansicht des Genfer Generalstaatsanwalts könnten sich am Verkauf der ostdeutschen Leuna-Raffinierie zahlreiche deutsche Persönlichkeiten unrechtmäßig bereichert haben. Im Inforadio Berlin-Brandenburg hatte er bekräftigt, dass nicht nur der Geschäftsmann Dieter Holzer und der Ex-Staatssekretär Holger Pfahls, gegen die in Deutschland bereits ermittelt wird, als Täter in Frage kämen. Es gebe weitere Namen von Deutschen, gegen die in der Schweiz ermittelt werde, die er aber nicht nennen dürfe, sagte Bertossa. "Es gibt merkwürdige Fakten, die den Verdacht erhärten, dass zahlreiche Persönlichkeiten in Deutschland vom Leuna-Verkauf profitiert haben." So sorgte er für Verwirrung: Noch mehr Unions-Politiker unter Verdacht?

Umstrittener Vorkämpfer

Nun stellte Bertossa, der in Sachen Leuna wegen des Verdachts der Geldwäsche ermittelt, klar: Deutsche seien mit Ausnahme von Holzer und Pfahls nicht Gegenstand von Ermittlungen seiner Behörde. Auch habe er keine Erkenntnisse über angebliche Schweizer Konten von Unionspolitikern.

Bertossa gilt seit langem als nicht unumstrittener Vorkämpfer der Schweizer Justiz gegen die Wirtschaftskriminalität. Der Kettenraucher und Velofahrer, der als introvertiert gilt, hat nicht nur in Sachen Leuna und Elf Aquitaine (zum Geschäftsgebaren des ehemaligen französischen Staatskonzerns ermittelt Bertossa seit Jahren) für Wirbel gesorgt. Auf sein Ersuchen hin wurde beispielsweise der frühere Kreml-Verwalter Pavel Borodin in New York in Auslieferungshaft genommen. Bertossa verdächtigt den Russen, Schmiergelder über Schweizer Banken gewaschen zu haben.

Die Liste seiner prominenten Ermittlungsobjekte ist lang: der chilenische Diktator Pinochet, die pakistanische Regierungschefin Benazir Bhutto, der Nigerianer Abacha und der ukrainische Politiker Lazarenko. Auch um Geschäfte des früheren italienischen Ministerpräsidenten Umberto Craxi kümmerte sich Bertossa. Nicht dass er lauter Volltreffer gelandet hätte: Seine schwerste Niederlage erlitt er gegen den mutmaßlichen russischen Mafiafürsten Sergej Michailow, der 1998 von einem Geschworenengericht freigesprochen wurde. Dennoch ist Bertossa überzeugt, auch in diesem Fall richtig gehandelt zu haben. "Das strategische Ziel war nicht nur eine Verurteilung, sondern eine Botschaft: Wir wollen für gewisse Leute keine friedliche Insel sein." Denn darum geht es Bertossa: Die Schweiz nicht als Paradies für Geldwäscher erscheinen zu lassen. Bertossas Kampf kommt nicht zuletzt gegen die Geldwäscherei vorab den geprellten Staaten zugute. "Wir konnten Nigeria, Frankreich, Spanien, Italien, Argentinien und der Ukraine gegen 100 Millionen Franken zurückerstatten." Den Arbeitersohn treibt ein heiliger Eifer für die Gerechtigkeit: "Sind Sie vom Willen beseelt, sich für die Gerechtigkeit einzusetzen, müssen Sie jeden Tag den Nutzen dessen, was Sie tun, gegenüber dem Ziel, das Sie gewählt haben, abschätzen."

Respekt vor der Demokratie

Der 58-jährige Sozialdemokrat hatte fast 20 Jahre als Richter gearbeitet, bevor er sich 1990 als Kandidat für das Wahlamt des Genfer Generalstaatsanwalts bewarb. Er gewann knapp. Erst nach Amtsantritt ging ihm auf, welche Gefahr von der internationalen Korruption ausging: "Ich hatte das Ausmaß des Übels nicht geahnt." Auch wenn in der Schweiz Skandale noch selten seien, "weil der Respekt vor der Demokratie bei uns stärker ist als anderswo", müsse sie dem Ausland im Kampf gegen die Korruption helfen, nicht nur aus gutem Willen, auch aus Eigeninteresse. Der weltweite Prozess werde die Schweiz nicht verschonen.

Deshalb wird in Genf in jedem Verdachtsfall von Geldwäsche auch ein Verfahren eingeleitet. Das Personal seiner Behörde nahm von 50 auf 70 Mitarbeiter zu. Den Kollegen am Bankenzentrum Zürich hielt er vor: "Wer nicht hinschaut, sieht auch nichts." Liechtenstein bezeichnete er als "Klassenletzten der internationalen Rechtshilfe".

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