Politik : Der falsche Wähler

Warum die CDU 2002 verloren hat und Angela Merkel lieber kein TV-Duell mitmachen sollte

Armin Lehmann

Berlin - Der Ratschlag der Sozialforscher ist deutlich. Frau Merkel, lassen Sie das mit dem Fernsehduell. So explizit sagen die Autoren des neuen Buches „Wählerstimmen in der Mediendemokratie“ das zwar nicht, aber alle Argumente laufen darauf hinaus: immer personalisierter, immer emotionaler, immer weniger orientiert an Sachthemen, immer irrationaler entscheidet der Wähler. Wenn es aber nur um das Gefühlige geht, haben die Wissenschaftler vom Allensbach-Institut für Demoskopie zusammen mit anderen herausgefunden, hat Kanzler Gerhard Schröder klare Vorteile.

Nicht ein einziges Kompetenzmerkmal sei nach dem ersten TV-Duell 2002 zwischen Schröder und Herausforderer Edmund Stoiber bei den Wählern hängen geblieben. Nur die Tatsache, dass Schröder „gute Laune“ und das Gefühl verbreitet habe, es werde schon nicht so schlimm kommen. Die Forscher zweifeln deshalb immer stärker an der Rationalität der Wähler – und sie machen die Medien dafür verantwortlich. „Man muss sich fragen, wie sinnvoll ein Fernsehduell ist, wenn man sich diese Daten ansieht“, sagt Wolfgang Donsbach von der Technischen Universität Dresden.

Donsbach, Allensbach-Chefin Elisabeth Noelle-Neumann und Hans Mathias Kepplinger von der Universität Mainz haben starke Thesen aufgestellt. Eine besagt, dass 2002 nicht die Flut die Wahl entschieden hat, sondern die Darstellung der Flut. Kepplinger will herausgefunden haben, dass die Fernsehsender unterschiedlich intensiv berichtet haben, was ihn vermuten lässt, dass es sich zwar um ein außergewöhnliches Ereignis handelte, aber es „unterschiedliche Vorstellungen über den angemessenen Grad der publizistischen Aufmerksamkeit gab“.

ARD und ZDF hätten mehr über die Flut berichtet als die Privaten. Kepplinger schließt daraus, dass dies redaktionell gewollt war, nennt das „intervenierende Kraft“ und suggeriert, dass die Öffentlich-Rechtlichen dem Ereignis mehr Bedeutung beigemessen haben als notwendig gewesen wäre. Sein Urteil: „Die CDU ist nicht Opfer des Wassers geworden, sondern der Berichterstattung.“

Die Wissenschaftler finden, dass die Menschen die Reaktion auf die Realität mit der Realität selbst verwechseln. Ein Beweis dafür sei die Tatsache, dass die SPD in den direkt betroffenen Flutgebieten nicht gewonnen habe, sondern vor allem drum herum. „Nicht besonders schmeichelhaft für die Wähler“, schreiben die Forscher, merken aber selbstmitleidig an: „Es ist das Schicksal der Sozialwissenschaften, dass ihre Erkenntnisfortschritte oft nicht erkannt werden.“

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