Politik : Der Feind in uns

Von Robert Birnbaum

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Es gibt Skandale, die kommen völlig unerwartet, andere hingegen liegen nachgerade in der Luft. „Folter in der Bundeswehr“ – hat man so etwas nicht eigentlich erwartet, früher oder später, spätestens aber nach den Bildern aus Abu Ghraib? Mindestens so viel lässt sich wohl sagen, dass ohne die Fotos aus Bagdad die Berichte über jene „FolterÜbungen“ in der Kaserne in Coesfeld nicht halb so viel Skandal verursacht hätten. Dabei steckt hinter ihnen ein ernstes Problem. Allerdings ein komplizierteres, als der erste Anschein es nahe legt.

Dieser Anschein, keine Frage, ist ein hässlicher. Rekruten in der Grundausbildung sind von Ausbildern in eine menschenunwürdige Situation versetzt und körperlich misshandelt worden. Der Regelfall ist das nicht, trotz der täglich wachsenden Zahl von Hinweisen auf mehr oder minder ähnlich erscheinende Vorkommnisse in anderen Kasernen. Immerhin, Coesfeld ist ein krasser, aber kein ganz und gar einzigartiger Fall. Das gleiche – sagen wir: Missverständnis von Ausbildung scheint in weniger rüder Form öfter aufgetreten zu sein.

Ein Teil dieses Missverständnisses ist alt. Das Bild vom Mann aus Stahl, dem alles Weichlich-Zivile mit hartem Drill abgeschliffen werden muss, zählt zu den Archetypen des Militärdenkens. Bis zu einem gewissen Maße gehört Drill ja auch zur – gelegentlich lebensrettenden – Professionalität. Falsch verstanden worden ist das immer wieder. Darf der Leitartikler ausnahmsweise von sich selbst reden? Unter den Ausbildern, die der Wehrpflichtige B. erlebt hat, waren einige kluge Menschenführer, etliche von der Aufgabe überforderte Kleingeister, viele normale Menschen und ein Sadist. Es hat Schindereien, Schikanen, Eingeschüchterte und falschen Korpsgeist gegeben.

Neu am Fall Coesfeld sind zwei Elemente. Die Missetäter haben sich auf neue Weise im Recht gefühlt – und manche ihrer Opfer anscheinend auch. Hat man nicht im Grunde nur für den Ernstfall geübt, jene Armee im Einsatz, die bis hinauf zum General und Minister alle beschwören? Etwas unsensibel vielleicht; aber bei Briten und Amerikanern würden sie kichern, und besser im Münsterland hart rangenommen als später im Kosovo hilflos! Es ist nicht schwer, sich die Atmosphäre dieser „Übungen“ vorzustellen.

Es ist auch nicht schwer, das Rätsel zu lösen, warum sich keiner lautstark beschwert hat. Die Bundeswehr ist nicht mehr die Wehrpflichtarmee von einst. Zum Bund gehen überdurchschnittlich viele junge Männer mit unsicherer beruflicher Zukunft, und sie gehen in gewisser Weise freiwillig, weil eine Postkarte genügt, um sich zum Zivildienst zu verabschieden. Dieser Rekrut 2004 beschwert sich nicht so rasch wie der Zwangsrekrutierte 1980. Vor allem aber: Die Bundeswehr ist von der Pro-forma-Armee zur Profi-Armee geworden. Das ist keine Frage der Wehrform, sondern des Auftrags. Auf einen Feind zu warten, der nie kommt, ist etwas anderes, als in Nordafghanistan Patrouille zu fahren.

Diese fundamentale Veränderung entschuldigt die Misshandlungen von Coesfeld nicht, macht sie aber erklärlich. Wobei es vermutlich egal ist, ob die fraglichen Ausbilder selbst schon einen Auslandseinsatz hinter sich oder nur dessen Bild vor Augen hatten. Sie haben etwas inszeniert, das sie für realistisch ausgaben. Übersehen haben sie, an wem sie sich vergriffen haben und wie. Die Bundeswehr übt mit ihren Soldaten das Verhalten in kritischen Situationen. Aber sie übt es mit Erfahreneren vor einem Einsatz, sie übt es unter kontrollierten Bedingungen und nicht in Do-it-yourself-Szenarios, sie übt es mit dem Ziel, das eigene Leben zu retten und nicht etwa „durchzuhalten“. Die „Geiseln“ von Coesfeld waren nicht nur die Falschen, sie haben auch etwas Falsches gelernt.

Die politische Führung reagiert unnachsichtig – erkennbar mit dem Hintergedanken, dass auch der Letzte kapieren soll: So geht’s nicht. Das kann aber nur eine Antwort sein. Die andere Aufgabe ist schwieriger: Den Geist der „Staatsbürger in Uniform“ wachzuhalten, gegen Rambo-Stolz, gegen scheinbare Zwänge der Professionalisierung. Gerade die Armee im Einsatz braucht ganze Menschen, nicht halbe Maschinen.

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