Politik : Der Fischer-Mythos verblasst (Kommentar)

Bernd Ulrich

Als Freund von Madeleine Albright gestartet, als Assistent von Gunda Röstel gelandet. Joschka Fischer muss schon einiges mitmachen in diesen Tagen. So klein und brav wie gestern bei seiner gemeinsamen Pressekonferenz mit der Immer-noch-Sprecherin Röstel hat man Deutschlands populärsten Politiker noch nicht gesehen. Er wolle sich jetzt einbringen, hat er gesagt; in den Pool von all den anderen guten grünen Leuten, hat sie gesagt.

Eine tragikomische Szene war das, an deren Zustandekommen Joschka Fischer nicht unschuldig war. Denn wenn er und seine "Umgebung" in den letzten Tagen geschwiegen hätten, wären Gunda Röstel und Antje Radcke zurückgetreten, hätten die Grünen ihren für März geplanten Parteitag vorgezogen und bereits dort die Trennung von Amt und Mandat aufgehoben. Warum bloß haben sie nicht geschwiegen?

Dafür gibt es zwei Gründe. Einen, der gegen Fischer und seine Exzellenz spricht. Und einen, der gegen die Partei und ihre Mittelmäßigkeit spricht. Wenn man bei den Grünen Veränderung vornehmen will, dann muss man zuvor mit allen wichtigen Leute reden. Wichtig sind bei den obwaltenden Strukturen mindestens: drei Minister, zwei Fraktionschefs, zwei Vorstandssprecherinnen, ein politischer Geschäftsführer, zwei bedeutende Strippenzieher in den beiden Parteiströmungen. Also: mindestens zehn.

Die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem so großen Kreis die Presse nichts von dem Vorhaben erfährt, ist relativ gering. Und wenn es rauskommt, heißt es, Fischer wolle die Partei über die Medien beherrschen. Dann geht das Vorhaben regelmäßig schief. Auf diese Weise schaffen die Strukturen immer wieder selbst die Voraussetzungen dafür, dass sie man sie nicht verändern kann.

Solange es mindestens zehn Verlautbarungsberechtigte gibt, brauchen sich die Grünen über Inhalte keine Gedanken zu machen. In diesen unvernünftigen Strukturen ist es dann nur vernünftig, wenn Rezzo Schlauch gegen Kerstin Müller, Kerstin Müller gegen Antje Radcke, Gunda Röstel gegen Werner Schulz vorgehen. Und alle zusammen irgendwann gegen Fischer.

Jeder politische Punkt zerfließt darum sofort zum Aquarell. Kalkulierte Konflikte mit dem Koalitionspartner werden da viel zu riskant. Denn die müssen - und das hat die FDP jahrezehntelang vorgeführt - von Wenigen professionell und nicht von Vielen unprofessionell gehandhabt werden. So beginnen die grünen Krisen immer mit Personal- und Strukturdebatten und enden mit folgenlosem Gerede über Inhalte, Profilschärfen und dergleichen.

Diesen Mechanismus kann allenfalls Joschka Fischer aushebeln. Aber nur, wenn er mit äußerster Disziplin vorgeht. Das hat er augenscheinlich nicht getan. Fischer und seine "Umgebung" haben mit der Presse zu viel, zu offen und zu genau, mit den eigenen Parteifreunden dagegen zu wenig, zu verdeckt und zu ungenau geredet. Möglicherweise ist der Respekt vor den Grünen bei Fischer und seiner "Umgebung" nicht ganz so ausgeprägt, wie er sein sollte.

Dennoch dürften derlei Betroffenheiten eines Einsamen an der Spitze nicht den Ausschlag geben. Dieser Mangel an Disziplin hat bei Joschka Fischer fast schon Tradition, zumindest hat man die Abfolge: Parteikrise-"Spiegel"-Meldung-Fehlschlag, schon häufiger erlebt. Manche vermuten wegen dieser Häufung dahinter eine Strategie zum Ausstieg aus den Grünen.

Die Bedeutung von Strategien in der Politik wird gemeinhin überschätzt. Meistens sind es Zufälle, die den Lauf der Dinge bestimmen. Tiefsitzende Mentalitäten und keine Master-Pläne treiben die Akteure um. Fischers Fehler sind in aller Regel die Versäumnisse eines Zauderers. Zweimal hat er in den letzten Monaten den Zeitpunkt verpasst, jenen Minister abzulösen, der das letzte verbliebene Identitätsthema der Grünen - die Ökologie - verwahrlosen lässt. Fischers Mut und Entschlossenheit reichten nur für eine etwas weniger dramatische und daher auch etwas weniger wirkungsvolle Aktion, eben die Ablösung der beiden Sprecherinnen. Und auch die ist vorläufig verpatzt. Die Grünen verlieren damit das, was in der Politik besonders bedeutsam ist: Zeit.

Die von Fischer geforderte neue Führung kommt erst fünf Monate und eine Wahlniederlage später, der in Schleswig-Holstein. Dann aber wird die Zeit knapp, um die wichtigste Wahl, die in Nordrhein-Westfalen, zu bestehen. Danach muss Fischer der Partei noch mehr Veränderung abverlangen. Und er wird eindeutiger als diesmal drohen müssen. Womit? Mit seinem Ausscheiden aus den Grünen oder aus der Politik.

Joschka Fischer und seine Partei - sie bewegen sich auf eine Alles-oder-Nichts-Situation zu. Fischer oder Untergang. Keine attraktiven Perspektiven.

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