Politik : Der Flirt mit der Fahne

Von Harald Martenstein

In schwarzrotgelbe Gedanken versunken habe ich in Kreuzberg einen Spaziergang gemacht. Drei türkische oder deutschtürkische oder Migrantenjugendliche kamen mir entgegen. Sie sangen mit beachtlicher Inbrunst: „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Außerdem schleppten sie die gewaltigste Deutschlandfahne mit sich herum, die ich bisher gesehen habe.

Es sieht zurzeit in Kreuzberg überall so aus. Einwandererkinder schwenken deutsche Fahnen, sie zeigen und zelebrieren ihre deutsche Identität, sie sind stolz, auf eine, wie es scheint, ungebrochene, von Skrupeln unberührte Weise. Diese neue Form deutschen Denkens spielt, wenn ich es richtig beobachtet habe, in der um sich selbst kreisenden Patriotismusdebatte kaum eine Rolle.

Manchmal sieht man auf den Autos neben der schwarzrotgoldenen auch eine türkische Fahne. Klar, die Sache sähe anders aus, wenn die Türkei sich für die Weltmeisterschaft qualifiziert hätte. Migranten haben mehr als eine Heimat, sie führen vor, dass so etwas geht, warum auch nicht, heutzutage haben Millionen von Deutschen auch mehr als eine Muttersprache. Wer mehrere Kinder hat, weiß ohnehin, dass sich Liebe ganz gut aufteilen lässt, wenn auch nicht immer zu exakt gleichen Teilen. Seine Kinder kann man sich allerdings noch immer nicht aussuchen. Die Migranten dagegen zeigen, wie sehr auch das Nationale eine, zum Teil wenigstens, frei gewählte Option geworden ist. Kein Schicksal mehr, zum Glück, keine lebenslange Verpflichtung, sondern eine Entscheidung aus dem Augenblick heraus. Es gibt nationale Flirts, nationale Affären und nationale Lebensabschnittsgemeinschaften.

Dann wechselten die Jugendlichen den Text, plötzlich sangen sie: „Peinlichkeit und Recht und Freiheit!“ Falls die deutschen Fußballer, Gott behüte, plötzlich wieder schlecht spielen, werden viele Migranten sich geistig von ihnen trennen, auch viele Altdeutsche übrigens. Dabei fiel mir „Bild“ ein. Jürgen Klinsmann und die „Bild“-Zeitung mögen einander nicht, jeden „Klinsi“-Sieg bejubeln sie dort mit zusammengebissenen Zähnen. Ein WM-Sieg von Klinsi wäre für „Bild“ eine zwiespältige Sache, ungefähr so, als ob der Kommunismus an die Macht kommt und ausgerechnet die Kommunisten machen Friede Springer zur Bundespräsidentin.

Seien wir keine romantischen Idioten. Wichtiger als das ganze Patriotismuszeug sind immer noch die alten Feindschaften, alte Freundschaften sowie das Leistungsprinzip.

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