Politik : Der Frieden braucht Bürger

AUFRUHR IM IRAK

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Von Christoph von Marschall

Es kann immer noch schlimmer kommen. Jetzt erst sieht die Welt, was es heißt, wenn Amerika und seine Verbündeten die Kontrolle über den Irak zu verlieren drohen. Im Vergleich zum Aufstand der radikalen Schiiten erscheinen die mörderischen Anschläge des vergangenen Jahres auf Kasernen, Hotels und die Infrastruktur nur noch wie Nadelstiche: schmerzhaft, aber nicht existenzbedrohend. Damals wirkten die harten Worte vom „Chaos“, von „Bushs Vietnam“ unangemessen. Wenn nun aber die Koalitionstruppen den Aufständischen ganze Städte überlassen müssen, zeigt dies die neue Dimension der Bedrohung. Zur „sunnitischen Front“ im Dreieck um Bagdad, die religiöse Hochburg Falludscha und Saddams Heimat Tikrit ist eine zweite „schiitische Front“ im Zentralirak und im Süden hinzugekommen.

Dass die Woche vor dem Jahrestag von Saddams Sturz am 9. April neue Gewalt seiner alten Anhänger und der Al-Qaida- Kämpfer bringen würde, war absehbar. Warum aber tun sich Schiiten mit ihnen zusammen? Für die so lange unterdrückte schiitische Mehrheit war der Sturz des Diktators doch ein Tag der Befreiung. Der Aufruhr ist paradoxerweise auch eine Reaktion auf den relativen Erfolg der Kriegskoalition. Sie hatte das Land so weit im Griff, dass sie einen Teil der Macht am 30. Juni an eine irakische Übergangsregierung übergeben wollte. Auf die innerirakische Machtverteilung nach dem 1. Juli zielen die jüngsten Gefechte gegen „die Besatzer“, weniger auf einen raschen Abzug der Amerikaner und ihrer Alliierten. Die Iraker lieben deren Präsenz nicht, aber die meisten wissen, dass nur sie öffentliche Ordnung und privates Eigentum sichern können.

Es geht dabei um den Machtanspruch der schiitischen Mehrheit gegenüber den Sunniten, die unter Saddam die Herrschaftsschicht stellten, und den Kurden, die ihre Autonomie sichern wollen – aber mehr noch um die Führungsrolle unter den Schiiten. Sie stellen 60 Prozent der Bürger. Wer sie kontrolliert, hat unter halbwegs demokratischen Verhältnissen die Macht im ganzen Irak. Der junge radikale Moktada al Sadr weiß, dass er sich nur gewaltsam gegen den moderaten, allseits respektierten Ajatollah Sistani durchsetzen kann. Mit den Angriffen auf die ausländischen Truppen stilisiert er sich zum Verteidiger des Vaterlands – und bringt Sistani in die Klemme. Stellt Sistani sich offen auf die Seite der Amerikaner, werden sich einige Schiiten von ihm ab- und al Sadr zuwenden. Hält er sich zurück, behält al Sadr das Handlungs- und das Interpretationsmonopol.

Jetzt erst zeigt sich, wie gut oder wie schlecht die Amerikaner ihr Irak-Abenteuer vorbereitet haben. Dass dieser Machtkampf kommen würde, war so sicher wie das „Allah ist groß“ in der Moschee. Haben die USA eine Strategie für diesen Moment entwickelt?

Die Ankündigung, solche Aufstände unnachgiebig niederzuschlagen, ist im Prinzip richtig. Wie soll der Irak zum Frieden finden, wenn das Gewaltmonopol des Gesamtstaates nicht gegen al Sadrs Privatarmee durchgesetzt wird? Nur können die Koalitionstruppen das alleine kaum leisten – oder nur um den gefährlich hohen Preis, dass der Hass auf sie weiter wächst. US-Bomben auf Moscheen schüren den Aufstand nur. Um al Sadrs Kalkül zu durchkreuzen, müssen die USA die irakische Übergangsregierung und die widerstrebenden gemäßigten Schiitenführer dazu bringen, sich offen gegen ihn zu stellen. Und die neue irakische Polizei und die Bürgerwehr gegen die Aufrührer einsetzen. Rückhalt hat al Sadr nur in den Armenvierteln. Für die Interessen der Mittelschicht und der säkularen Mehrheit ist sein fundamentalistischer Anspruch eine Bedrohung.

Der Ruf nach mehr UN und mehr Nato nützt dagegen wenig. Der Aufruhr ist nicht das Ergebnis einer Völkerrechtsdebatte. Und die Nato mobilisiert auch nicht mehr Soldaten. Jene Nato-Staaten, die zu einem Irak-Einsatz bereit sind, haben ihre Truppen längst dort. Widerstand würden auch UN und Nato auf sich ziehen.

Der Frieden im Irak braucht die aktive Beteiligung der Iraker. Passives Abwarten, wie die Amerikaner das Problem al Sadr lösen, reicht nicht. Wer keine neue Kolonisierung möchte, muss den Bürgern und ihren Führern mehr Einfluss geben, aber darf ihnen auch mehr Eigenverantwortung für ihre Zukunft abfordern.

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