Politik : Der Frieden schadet

Martin Alioth

Auch diesmal will wieder niemand für die Gewalt verantwortlich sein. Wie immer in Nordirland sieht sich vielmehr jeder als Opfer heimtückischer Verschwörungen. Tatsache ist, dass eine Gruppe von Männern am Donnerstagmittag eine katholische Mittelschule in Nordbelfast überfallen hat. Etwa zwanzig Autos wurden systematisch mit Brechstangen und dergleichen beschädigt. Die Schule liegt - wie die Heiligkreuz-Schule, die am Vortag und schon im vergangenen Jahr monatelang Schauplatz von Schikanen und Protesten war - in einem protestantischen Wohnviertel. Der Überfall stellt eine weitere Eskalation der überaus gereizten Stimmung dieser Woche dar: Über einhundert Brandflaschen und andere Sprengkörper wurden in der Nacht auf Donnerstag in Nordbelfast auf die Polizei geworfen sowie ungezählte Steine. Verletzte Zivilisten und Polizisten, Sachschaden und ein neuer Tiefpunkt in den kommunalen Beziehungen zwischen Katholiken und Protestanten im verschachtelten Nordteil von Belfast.

Die Schülerinnen der Heiligkreuz-Schule wurden eher zufällig in die Unruhen verwickelt: Sie wurden auf dem Heimweg durch das protestantische Viertel angerempelt. Die Schule blieb deshalb am Donnerstag geschlossen, und der Schulvorstand, der Priester Aidan Troy, erwähnte erstmals die Möglichkeit, dass die Schließung permanent werden könnte. Später herrschte nicht einmal Einigkeit über den Anlass für diese Eruption. Die einen verwiesen auf einen heruntergerissenen Kranz für einen ermordeten protestantischen Taxifahrer, andere erwähnten Steine, die auf einen protestantischen Schulbus geworfen worden seien, und die Polizei sah den Auslöser in einem Streit zwischen zwei Frauen auf der Straße.

Die Aggressionen begannen schon vor dem Jahreswechsel, geschürt von rivalisierenden Untergrundverbänden, die ihre Daseinsberechtigung nachweisen wollen. Als die monatelangen Schikanen gegen die Schülerinnen der Heiligkreuz-Schule im letzten November endlich abgebrochen wurden, vereinbarten die Nachbarviertel ein kommunales Forum, das indessen noch nie zusammengetreten ist.

Eine wissenschaftliche Untersuchung für den gesamten Belfaster Raum bestätigte zum Jahresauftakt, dass der Friedensprozess die Beziehungen zwischen den Konfessionsgruppen nicht verbessert, sondern eher verschlechtert hat, namentlich an den Berührungspunkten, von denen es gerade in Nordbelfast nur so wimmelt. Die Politiker Nordirlands fragen sich seither, wie sie ihre unbestreitbaren Erfolge beim Aufbau gemeinsamer Behörden auf die Ebene der Straße übersetzen könnten. Appelle wie der des nordirischen Regierungschefs David Trimble vom Mittwochabend verhallen meist ungehört. Gewalt sei keine Lösung, betonte Trimble in einer Erklärung, die er nach den jüngsten Ausschreitungen abgab.

Kinder sind inzwischen nicht nur Opfer, sondern auch Täter: die meisten Steinewerfer schienen jünger als 16 Jahre alt zu sein. Die anderswo normalen Kontrollmechanismen einer bürgerlichen Gesellschaft sind offenkundig zusammengebrochen. Die störrische Weigerung der Erwachsenen, Verantwortung für ihr eigenes Tun und Lassen zu übernehmen, legt den Verdacht nahe, dass die Versehrungen des dreißigjährigen Konflikts - die nun einer weiteren Generation zugefügt werden - den Horizont dermaßen verengen, dass der Prozess des Erwachsenwerdens verkümmert. Aufgrund der hohen Zahl von Todesopfern und der verschachtelten Siedlungsmuster zeigt Nordbelfast diese Symptome, die in ganz Nordirland nachzuweisen sind, in grotesk erweiterter Form.

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